Apocalypse now?
Dienstag der 34. Woche im Jahreskreis I (Messe für den Frieden und zu Ehren der Muttergottes) - Homilie:
Wir haben wie in jeder Heiligen Messe die beiden Schrifttexte gehört, die Lesung aus dem Buch Daniel aus dem Alten Testament und das Evangelium aus der Feder des Evangelisten Lukas. Beide Texte sind große Texte der Heiligen Schrift und zugleich in ihrer Größe und Sprache sind sie fremd für uns. Sie können vielleicht fragen, warum wir diese Texte lesen, heute Nachmittag, und was sie eigentlich zu tun haben mit unserem Anliegen des Friedens in der Welt und der Verehrung der Mutter Gottes.
Die einfachste Antwort ist natürlich die, dass uns die Kirche mit ihrer Liturgie an diesem Dienstag in der letzten Woche vor dem Advent diese Texte vorlegt. Es ist immer wieder gut, dass wir nicht selber uns die Bibelstellen heraussuchen, sodass sie passen oder zu passen scheinen, denn wir würden dadurch immer nur dieselben Texte kennen lernen und so auf den Reichtum, auch wenn er bisweilen schwer erschließbar ist, der Heiligen Schrift verzichten. Was sagen uns also diese Texte heute Nachmittag, an diesem 25. November 2025?
Die Lesung war aus dem Buch des Propheten Daniel genommen, ein Buch des Alten Testamentes. Es ist ein Buch, das in die Kategorie der Apokalyptik fällt, einer Art von Texten, wie sie in den Jahrhunderten unmittelbar vor Jesus im Judentum entstanden sind. Apokalyptische Texte mit farbigen, originellen und zum Teil erschreckenden Visionen der Endzeit sollten den Juden in der Zeit der Zeitenwende ein Verständnis für das vermitteln, was in der Geschichte passiert, besonders für die Verfolgung und Bedrängnis, denen das jüdische Volk zur Zeit vor Jesus und zur Zeit Jesu selbst massiv ausgesetzt war. In wechselnden Wellen der Verfolgung sollte damals das jüdische Leben und der biblische Glaube, die Verehrung des einen Gottes durch die herrschenden Reiche ausgelöscht werden, durch die Assyrer, Babylonier, Perser und Griechen. Es geht also darum, die Weltgeschichte vom Glauben her zu verstehen.
Für jeden Menschen, auch für uns, ist es oft nicht leicht, den Gang der Weltgeschichte zu verstehen. Heute werden wir täglich, sozusagen im Sekundentakt mit Nachrichten überflutet. Wir haben mehr Informationen als unsere Vorfahren, aber es ist eine eigene Aufgabe zu verstehen, was wirklich passiert und vor allem, was alles bedeutet. In unserem normalen Leben denken wir ja oft in sehr begrenzten Zeiträumen, wir denken vielleicht an Morgen, was wir kochen wollen, was wir noch im Kühlschrank haben oder an kommende Jahre, das Erbe, dass wir hinterlassen, wem wir etwas zuteilen und wem nicht. Wir denken allenfalls in Jahren und Jahrzehnten. Und auch die Kirche denkt oft nur in sehr kurzen Zeiten. Dann fragt sie, wie sie heute bestehen kann, wie sie den Menschen heute das Evangelium verkünden kann, ob sie sich anpassen soll an die Sprache und das Denken der Zeit, und so weiter. Die apokalyptische Literatur in der Heiligen Schrift, in der Bibel, versucht nun, uns in ein Denken einzuüben, das in größeren Zeiträumen zu Hause ist. Bücher wie das Buch Daniel wollen uns helfen, in geschichtlichen Bögen zu denken, nicht nur von heute auf morgen, oder von einer Wahlperiode zur anderen, oder von einem Papst zum anderen.
Solche Texte wie die Lesung, die wir heute gehört haben, wollen uns helfen, dass wir die Geschichte unserer Welt mit den Augen Gottes verstehen lernen, auch, dass wir in manchem, was uns verwirrt, durcheinanderbringt, ratlos lässt oder bedrängt, getröstet werden, und dass wir so nicht mutlos werden und dann gar nicht mehr handeln und gestalten.
Der Ausschnitt aus dem Buch Daniel, den wir heute gehört haben, erzählt von einem Traum, den der heidnische König Nebukadnezar in Babylon hatte. Babylon war ein mächtiges Reich, in das die Juden verschleppt worden waren. In diesem Exil lebte unter anderem Daniel. Im Traum erschien dem babylonischen König eine Statue, die aus verschiedenen Materialien gemacht war, aus Gold, Silber, Bronze, Eisen und Ton. Der König wollte wissen, was dieser Traum bedeutet und ob er ihm etwas über seine Zukunft sagen will. Aber niemand seiner Leute konnte den Traum deuten. Am Schluss ist es nur der Jude Daniel, der ihm das Bild aufschlüsselt. Wir brauchen hier nicht die Details wiederholen. Im Großen und Ganzen geht es darum, dass der Traum vier verschiedene Reiche zeigt, die sich nacheinander abwechseln. Und fortlaufend werden diese Weltreiche schwächer und armseliger. Dafür steht das Bild, dass die Statue auf tönernen Füßen steht.
Diese Geschichte vom Traum des Nebukadnezar ist sicher nicht historisch, aber sie ist wichtig, weil sie in einem Bild dem bedrängte jüdischen Volk Mut machte, dass die so mächtigen Imperien nicht ewig bestehen werden, sondern eines nach dem andern vergeht und das Volk Israel gerettet wird. So ist es ja auch gekommen, trotz aller Verfolgungen, die über Israel durch die ganze Geschichte hereinbrechen. Das jüdische Volk ist immer noch da. Und es war auch da und war der Boden, auf dem Jesus wachsen und leben konnte. Das Buch Daniel und in ihm dieser Traum wollen also die Juden im Exil trösten und ihnen Mut machen. Die Reiche, die heute so mächtig und unangreifbar aussehen, werden fallen, aber das Gottesvolk wird gerettet und bestehen bleiben, durch Gott selber.
Ich denke, wir sehen, dass ein solches Wort auch für uns gesagt ist. Obwohl die Bilder so fremd sind, ist ihre Botschaft doch einfach und klar. Gerade in unserer Zeit erleben wir ganz neu eine Unruhe in der Welt. Politisch ist die Nachkriegsordnung, in der wir gelebt haben – Ost und West – aufgelöst. Neue Mächte treten auf den Schauplatz der Geschichte, China, Iran, Indien, Brasilien, und so weiter. Die Fragen nach dem Wandel des Klimas und nach dem, was man dagegen tun kann, erscheinen beinah täglich in den Nachrichten. Und auch in unserer Gesellschaft selber sind mehr Fragen offen als beantwortet. Deswegen ist der Traum des Daniel aktueller denn je. Er verheißt uns, dass Gott sein Volk am Leben erhalten wird und dass wir eine Aufgabe haben, in der Welt.
Wenn ich mit Ihnen immer wieder diesen Gottesdienst gefeiert habe für den Frieden und zur Ehre der Gottesmutter, dann habe ich das immer so verstanden, dass wir mit dem Blick auf Maria auch diesen größeren Blick auf die Geschichte gewinnen können und sollen. Maria, die immer wieder in der Geschichte der Kirche sich sozusagen zu Wort gemeldet hat, ist damit mehr als nur eine Person der Vergangenheit. Ihre Botschaft und das heißt ja vor allem ihr Dienst an der Erlösung, dass sie den Messias in die Welt gebracht hat, diese Botschaft ist jeden Tag da. Und wenn sie irgendwo in der Welt 'erschienen' ist oder mit anderen Worten, wenn jemand ihre Botschaft gehört hat, dann ist gar nicht das einzelne Detail das Wichtigste. Das Entscheidende ist, dass sie uns hilft, unseren Horizont zu weiten und die Geschichte in großen Bögen zu verstehen.
Es gibt heute unendlich vieles, was in der Kirche diskutiert wird und was die Menschen beschäftigt. Man kann den ganzen Tag vor dem Bildschirm sitzen und von einer Homepage auf die andere klicken. Es gibt konservative Initiativen und progressive, es gibt offensive Reformbestrebungen und es gibt zum Teil erbarmungslose Kritik an den Bischöfen und an den Päpsten und vieles mehr. Man kann sich in solchen Dingen verlieren und aufreiben und vor allen Dingen die Freude am Glauben und die Zuversicht des Glaubens verlieren.
Sicher muss vieles diskutiert werden, aber ein solcher Blick auf Maria, auf die jüdische Frau, die uns den Messias, den Erlöser geschenkt hat durch ihren Gehorsam, durch ihr Ja, der Blick auf sie hilft uns, die Treue Gottes zu sehen. Mit ihr sehen wir die Geschichte Jesu, seine Nüchternheit, so wie es heute im Evangelium zu hören ist, seine Kritik und sein Vertrauen in die Führung Gottes, des Vaters. Schon allein, wenn man den Rosenkranz betet, werden in den so genannten Geheimnissen die Stationen seines Lebens vor unsere Augen gestellt, das heißt das Tun Gottes für die Welt, seine Treue zu seinem Volk, zu Israel, zur Kirche und seine Zuwendung zu allen Menschen, indem er ihnen in Jesus Zugang zu seiner Geschichte eröffnet hat. Sie dürfen vor allen Dingen dankbar sein, dass Sie diesen Faden aufgegriffen haben, den die Geschichte Ihnen hingelegt hat.
Bei der Verehrung Marias geht es nicht um irgendeine Sonderlehre oder um irgendwelche Geheimnisse, die Gott noch nicht gesagt hätte und die wir noch nicht kennen würden. Es geht nur darum, dass wir seine Treue in der Geschichte der Welt neu sehen lernen und so mit einer echten Zuversicht aus dem Glauben in dieser Welt leben. Es geht darum, dass wir uns in den Unsicherheiten des Lebens und der Zeit in dem Reich verankern, das nicht auf tönernen Füßen steht, im Reich Gottes, dass wir einfach zur Kirche gehören, sie sind, die das eigentliche Werkzeug Gottes ist. Das ist der wichtigste Beitrag, den wir geben können und müssen für den Frieden in der Welt. In jeder Eucharistie begegnen wir dem, der diese Herrschaft Gottes verkündet und für sie gelebt und gestorben ist: Jesus, dem Christus, und hier lassen wir uns dazu sammeln und neu ausrichten, auch heute, auch jetzt.
Dienstag der 34. Woche im Jahreskreis I | Burladingen St. Fidelis | Lesung Dan 2,31-35; Evangelium: Lk 21,5-11 | Achim Buckenmaier