Bewahre uns vor Chaos

Homilie zum 33. Sonntag i. Jkr. C  |  12./13. Nov. 2022

In der vergangenen Woche stand im Heiligenkalender der Kirche der Name von Leo dem Großen. Der heilige Leo war im 5. Jahrhundert Bischof von Rom und vielleicht der erste Papst, der sein Amt wirklich im universalen Sinn verstanden hat, als Papst, als Oberhaupt der ganzen Kirche. Von Leo dem Großen haben wir etwas geerbt, was in jeder Heiligen Messe, werktags und sonntags, vorkommt. Es ist ziemlich sicher, dass von ihm ein Gebet stammt, das wir als Einschub nach dem eigentlichen Vaterunser beten:

„Erlöse uns, Herr, allmächtiger Vater, von allem Bösen und gib Frieden in unseren Tagen. Komm uns zu Hilfe mit deinem Erbarmen und bewahre uns vor Verwirrung und Sünde, damit wir voll Zuversicht das Kommen unseres Erlösers Jesus Christus erwarten.“

Dieses Gebet präzisiert und vertieft in gewissem Sinn die letzte Bitte des Vaterunsers: „…und erlöse uns von dem Bösen.“

Wenn man die Zeit Leos anschaut, kann man verstehen, warum er diese Bitte hinzugefügt hat. Das fünfte Jahrhundert n. Chr. war in Europa eine Zeit großen Durcheinanders. Die Völkerwanderung hatte das 1000 Jahre bestehende Römische Reich zerstört, in viele neue Nationen aufgelöst, und die Stämme Europas durcheinander gewürfelt. Neue Völker, neue Sprachen und neue, fremde Kulturen dominierten. Es war eine riesige Migrationswelle im Gange. Die Vandalen plünderten Rom und schleppten alle Reichtümer mit sich, die sie finden konnten. In dieser Zeit dachte Papst Leo, dass es notwendig ist, zu bitten: „gib Frieden in unseren Tagen. Komm uns zu Hilfe mit deinem Erbarmen und bewahre uns vor Verwirrung und Sünde.“

Zwei Sachen fallen in diesem Zusatzgebet Leos auf. 

Das erste ist: Die Erlösung vom Bösen ist mit der Bitte um Frieden in unseren Tagen verbunden. Das Böse kommt vor allem in Form von Unfrieden zu uns. Krieg im Großen und im Kleinen, das ist das Böse. Weltkriege ebenso wie Ehekriege, deren Ursache Neid, Misstrauen, Machtgelüste, Den-anderen-beherrschen-wollen sind.

Das zweite, was auffällt, ist: „Bewahre uns vor Verwirrung und Sünde.“ Dass Gott uns davor bewahren möge, zu sündigen, gegen den Nächsten zu handeln, Unrecht zu tun, das kann man leicht verstehen. Interessant ist aber, dass neben der Sünde auch die Verwirrung genannt wird. Leo der Große hat offensichtlich gewusst, das nicht nur das Unrecht ein Problem ist, Gewalt, Krieg, sondern auch Verwirrung, Orientierungslosigkeit, ein geistiges Durcheinander.

Dieses Gefühl der völligen Umwälzung, wo kein Stein auf dem anderen bleibt, durchzieht auch das Evangelium dieses Sonntags. Krieg und Unruhen, Seuchen und Hungersnöte, die Zerstörung des Tempels – all das sieht Jesus kommen. Als Lukas das aufschreibt, war das meiste davon schon eingetreten. Im Jahr 70 war Jerusalem erobert und der prächtige Tempel in Flammen aufgegangen. Und doch ist Lukas zuversichtlich. Die Glaubenden brauchen keine Angst haben. Der Glaube fürchtet keine Katastrophen. Das Einzige, was man fürchten muss, ist, dass man den Glauben verliert, dass man aus dem Vertrauen herausfällt, dass man die Gemeinschaft mit den anderen aufkündigt.

Unsere Zeit scheint nicht nur dem Katastrophenszenario des Evangeliums, sondern auch der Epoche Leos des Großen ähnlich zu sein. Nach Jahrzehnten der Stabilität, zumindest in unseren Breiten, ist vieles unsicher geworden. Der Krieg ist plötzlich wieder eine europäische Realität. Er hat Folgen auch für uns. Migration scheint unsere Gesellschaft zu verändern. Das Christentum dominiert nicht mehr das Leben in unseren Städten und Dörfern. Den Rhythmus der Woche bestimmt der Abfallkalender, nicht der Heiligenkalender. Die Kirche ist unter Dauerbeschuss und viele in ihr sind verunsichert. Viele kehren unseren Gemeinden den Rücken. 

Die einen halten die Anpassung an die Lebenswirklichkeit für die letzte Rettung der Kirche. Andere würden am liebsten zurück in die Zeit vor hundert Jahren. Unsere Bischöfe sind verunsichert und uneins.  Was sollen wir davon halten? Ist Christsein „out“? Ist Leben mit der Kirche, Leben nach dem Evangelium, nach den Zehn Geboten überholt, eine Verschwendung, ein Verlust an Spaß und Lust, ein Betrug am Leben?  Man versteht vielleicht diese Bitte Leos: „Bewahre uns vor Verwirrung…“ Sie ist aktuell.

Gott kann diese Bitte, die ihm jeden Tag in allen Messen vorgehalten wird, erfüllen. Er kann uns vor Verwirrung bewahren. Er macht es mit dem „Tag“, von dem Maleachi redet. Der Tag des Herrn ist der Tag, an dem die Glaubenden zusammenkommen. Die Orientierung finden wir nicht, wenn jeder still in sich hineinhört. Wir finden Orientierung, Richtung, Aufklärung und Klarsicht, wenn wir aufeinander hören. Wenn wir gemeinsam auf die Heilige Schrift hören. Wenn wir uns unsere Nöte, Zweifel, unser Durcheinander, unser Chaos im Kopf und im Alltag offenlegen und den anderen das sagen, was wir Gott sagen: Komm uns zu Hilfe. Kommt mir zu Hilfe. 

Ich jedenfalls kann von mir sagen, dass ich oft Chaos habe in meinem Leben, dass ich oft nicht weiß, was richtig ist, was ich lassen soll und was ich zuerst machen soll. Nur dass ich bitte: „Kommt mir zu Hilfe!“, nur das hilft. Dann geht mir „die Sonne der Gerechtigkeit“ auf, dann weiß ich wieder, wo rechts und links ist, wenn ich mich auf die anderen Glaubenden verlasse. 

Die Versammlung, auch die eucharistische Versammlung, der Gottesdienst sind „Flügel, die Heilung bringen“. Dann finde ich wieder die Zuversicht, dass unser Erlöser kommt, nicht erst am Ende der Welt und Zeiten, sondern „haJom“, das heißt: heute. Dass er kommt in unser Leben und schon da ist, in der Kirche, in dieser Geschichte, an der wir teilhaben.

So verstehe ich das und so bete ich es: „Erlöse uns, Herr, allmächtiger Vater, von allem Bösen und gib Frieden in unseren Tagen. Komm uns zu Hilfe mit deinem Erbarmen und bewahre uns vor Verwirrung und Sünde, damit wir voll Zuversicht das Kommen unseres Erlösers Jesus Christus erwarten.“

Das ist auch heute so, jetzt, in der Eucharistie, die wir feiern.

33. Sonntag i. Jkr. C – 12./13. November 2022
Lesungen: Mal 3,19-20b; 2 Thess 3,7-12; Evangelium: Lk 21, 5-19
Boll, St. Nikolaus | Beuren, St. Johannes d. T.
Achim Buckenmaier