Das Allerheiligste ist das Allermenschlichste

Gründonnerstag 2024 - Homilie:

Wie an keinem anderen Tag im Jahr ist am Gründonnerstag die Eucharistiefeier selbst Gegenstand der biblischen Texte, der Heiligen Schrift. Besonders die zweite Lesung spielt dabei eine entscheidende Rolle, der Text aus dem ersten Brief des Paulus an die Christengemeinde in der griechischen Stadt Korinth. Darin gibt Paulus mit exakten Worten wieder, was er als authentischen Bericht vom letzten gemeinsamen Essen Jesu mit den zwölf Jünger am jüdischen Pessachfest gehört hatte.

„Ich habe vom Herrn empfangen, was ich euch dann überliefert habe:

Jesus, der Herr, nahm in der Nacht, in der er ausgeliefert wurde, Brot sprach das Dankgebet, brach das Brot und sagte: Das ist mein Leib für euch. Tut dies zu meinem Gedächtnis!
Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sagte: Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut. Tut dies, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis!“

Empfangen und überliefern – erhalten und weitergeben. Mit diesen beiden Worten beschreibt Paulus das Grundprinzip jüdischer Tradition, so wie er es selbst gelernt und getan hatte. Und auch Jesus wendet dieses Prinzip an, wenn er sagt: Tut dies zu meinem Gedächtnis!

Und damit sind wir an der Wurzel dieser Feier heute Abend und jeder Heiligen Messe, jeder Eucharistiefeier. Wir machen nicht etwas Ausgedachtes, etwas neu Erfundenes. Sicher hat der Gottesdienst in den zwei Jahrtausenden seit diesem ersten Abend viele Veränderungen erfahren und Entwicklungen durchlaufen. Aber der Kern, sogar in den Worten und in den Gaben von Brot und Wein ist so erhalten geblieben, wie es Jesus gefeiert hat und wie er wollte, dass es seine Jünger fortan tun, und wie es Paulus der Gemeinde in Korinth in Erinnerung ruft.

Ungesäuertes Fladenbrot und Wein waren Teil der jüdischen Pessachfeier. Brot und Wein waren gewöhnliche Lebensmittel in Israel. Mit ihnen feiern die Juden jedes Jahr das Gedenken an die Flucht und Errettung aus der Sklaverei in Ägypten, so wie es Jesus mit seinen Jüngern auch tat. Unsere Vorfahren, die Germanen, aßen vor allem Fleisch und Brei, Brotfladen zu backen, war viel zu aufwändig. Als Getränk kannten sie Wasser und Bier. In asiatischen Ländern sind andere Nahrungsmittel des Alltags und Festes, Reis, Tee und anderes. Die Kirche hat aber immer daran festgehalten, die Eucharistie mit ungesäuertem Brot, den Hostien, und Wein zu feiern, damit wir nie vergessen, dass unsere Wurzeln im jüdischen Land und im jüdischen Volk liegen. Damit wir nie vergessen, dass wir die Eucharistie von Israel, von Jesus „empfangen“ haben.

Aber schauen wir noch genauer auf die heutige zweite Lesung.  Warum schreibt Paulus diesen Christen so ausführlich über das, was Jesus am letzten Abend seines Lebens mit den Jüngern begangen hat? Was war der Grund? 

Die Beweggründe, an die Einsetzung der Eucharistie durch Jesus zu erinnern, sind sehr konkret. Es sind sehr viele und sie sind vor allem alle negativ. Paulus wollte kein Messbuch schreiben. Er musste vielmehr auf etwas antworten, was ihn sehr beunruhigte. Es sind Schwierigkeiten in der Gemeinde und Probleme unter den Christen. Es sind Streit und eine Gewöhnung an Missstände, die man abtut nach dem Motto „es menschelt eben überall“. Damit kann sich Paulus nicht abfinden. In den Kapiteln seines Briefes, die unserer Lesung vorangehen, beschreibt er diese Übel, bevor er auf Jesu Mahl zu sprechen kommt. 

Paulus hatte von Spaltungen innerhalb der Gemeinde erfahren, von Grüppchenbildung und Fraktionen. Dann gab es Fälle von Inzest in Korinth. Gemeindemitglieder zogen gegeneinander vor Gericht und breiteten dort ihre Streitereien öffentlich aus. Einige hielten noch an ihren früheren Idolen fest, andere benahmen sich würdelos im Gottesdienst, rücksichtslos gegenüber Schwächeren und so fort. 

Das alles zählt Paulus auf. Aber das Bemerkenswerte ist: Paulus ermahnt nicht oberflächlich die Christen in dieser Gemeinde. Er schreibt nicht: Seid anständiger, rücksichtsvoller, netter zueinander. Sein Gedanke ist ein anderer: Er erinnert sie an den Grund, warum sie in der Gemeinde sind und an den Boden, der sie alle trägt.

Ihr, die Christen in der Gemeinde von Korinth, so schreibt Paulus, seid nicht beieinander, weil ihr gut und freundlich seid und euch gut miteinander versteht, weil ihr euch schon gefühlt ewig kennt. 

Ihr seid eine Gemeinschaft nur dadurch und nur deswegen, weil ihr Anteil an diesem Mahl habt, weil ihr alle von dem einen Brot esst, das an diesem Tisch ausgeteilt wird, weil ihr aus dem einen Kelch trinkt. Nicht ihr macht eine Gemeinschaft, sondern die Gemeinschaft mit Jesus macht euch zu einer Gemeinde. Wenn Paulus das Wort Jesu zitiert „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ und wir es heute Abend auch zitieren wie in jeder Messe „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“, dann gilt dieses Prinzip auch für uns. Wir sind nicht Kirche, weil wir zueinander passen oder einander sympathisch sind. Wir sind Kirche, weil wir teilhaben am Leib Christi.

Sicher: Die Eucharistie kann unwürdig und falsch werden – Paulus sagt: Sie kann uns zum Gericht werden –, wenn wir im Streit miteinander bleiben, wenn jeder nur für sich selbst einen seelischen Gewinn oder einen Lohn im Himmel erwartet, wenn wir die anderen vergessen, vor allem diejenigen, die Nöte haben und in Schwierigkeiten sind, auch die Alten, die Sterbenden, die Kranken.

Aber die Heilige Messe ist keine Initiative von ein paar frommen Leuten. Sie ist schon gar nicht eine Initiative des Pfarrers. Man kann eigentlich nicht sagen: Jetzt machen wir mal eine Messe, oder: Wir hören einfach auf, Eucharistie zu feiern; wir brauchen das nicht. Wir sind nicht Organisatoren einer Sache, die ein Gemeindeteam oder ein Priester machen kann. Wir sind nicht Veranstalter von etwas von uns Gemachtem, sondern Teilhaber einer Gottessache, die wir empfangen haben, um sie weiterzugeben.Und deswegen ist auch die Kommunion keine Medizin, die ich für mein persönliches Seelenheil einnehme. Kommunion bedeutet immer, dass ich mich in die Gemeinschaft der Kirche hineinziehen lasse und dass ich die anderen in mein Leben hineinziehen lasse. 

Der Grund dafür ist, dass wir in der Eucharistiefeier teilhaben an der Geschichte Gottes mit seinem Volk Israel, mit der Kirche, teilhaben an Jesus, seinem Leben und Sterben und seiner Auferstehung und Gegenwart. Die Messe ist der Ort einer Gotteserscheinung, einer Begegnung mit Gott.  Darum ist sie – wie man mit dem alten Wort sagt – das „Allerheiligste“. 

Deswegen ist eine Messe nichts, was „der Pfarrer liest“. Sie ist im Grunde etwas „Lebensgefährliches“: Sie ist nicht einfach eine beliebige Veranstaltung zur Unterhaltung mit einem geweihten Animateur vornedran, der mal besser, mal schlechter ist. Die Eucharistie zieht uns in das Sterben und den Tod Jesu hinein. Sie bedeutet deswegen auch für uns ein Sterben: Sterben müssen unsere falschen Vorstellungen vom Leben, unsere Götter, die wir anbeten, das, was wir für erstrebenswert und für uns absolut notwendig erachten. Sterben muss unser falsches Bild von uns selbst, dass wir eh schon gute Menschen sind, dass es reichen würde, wenn wir ein bisschen uns bemühen und die anderen, die hier sind, nicht existentiell bräuchten, um glauben und recht leben zu können vor Gott.

Und  d a r u m  ist die Eucharistie, das „Allerheiligste“, auch das Allermenschlichste. Sie macht aus uns etwas, was es in Welt so nicht gibt, etwas Einmaliges. Sie macht aus Jungen und Alten, egal ob man nur die Tageszeitung hat oder auf TikTok unterwegs ist, ob man traditionell denkt oder eher reformerisch, ob man fromm oder kritisch glaubt,  Tischgenossen. Sie kann aus uns eine eine solidarische Gemeinschaft machen, eine Schar, die für einander einsteht, und so für diese Geschichte, die wir heute erzählen und  feiern, einsteht – wenn wir sie empfangen wollen, wenn wir sie wollen und tun.

Gründonnerstag  |  Stein St. Markus  |  Lesungen: Ex 12,1-8.11-14; 1 Kor 11,23-26; Evangelium: Joh 13,1-15  |  Achim Buckenmaier