Das Plus Gottes

Homilie zum Fest Christkönig 2022

 

Die beiden Lesungen und das Evangelium dieses Sonntages, des Festes Christus König, sind so unterschiedlich und scheinen so wenig miteinander zu tun zu haben, dass es fast schon befremdlich ist.

Es ist darum gut, wenn wir einen Text nach dem anderen noch einmal bedenken.

Da war die erste Lesung aus dem Buch Samuel. Sie taucht uns tief in die Geschichte des jüdischen Volkes ein, in eine Zeit, die ziemlich genau 3000 Jahre vor uns liegt. Die zwölf Stämme Israels – so ist jedenfalls die literarische Vorstellung – sind aus Ägypten geflohen und unter der Führung des Mose in das Land Kanaan gezogen. Dort trafen sie auf andere Völker und Nationen. Alle diese Völker hatten Könige als Herrscher. Dadurch waren sie oft stark, schlagkräftig und für den lockeren Verband von jüdischen Stämmen existenzbedrohlich. 

Die Stämme beschlossen, auch einen aus ihrer Mitte als König zu wählen. Zuerst war es Saul, dann danach David. Diese Episode erzählt die heutige Lesung. Die Stämme ernennen David zu ihrem König. Er wird – so sagt des Buch Samuel – zum „Hirten des Volkes“ und zum „König von Israel“. Damit werden die zwölf Stämme geeint und mächtig. 

Aber diese Entscheidung hatte auch eine Kehrseite: Für die Israeliten in der Wüste war klar gewesen: Nur einer ist Hirte, nur einer ist König: Gott selbst. Deswegen sind sie ja aus dem Königsstaat Ägypten mit seinen gottgleichen Pharaonen geflohen. Jetzt mit einem menschlichen König droht dieses Wissen – Gott ist unser König, und wir alle sind gleich, mit gleicher Würde und gleichen Rechten – verloren zu gehen. Gerade das, was Israel als Gottesvolk unterschieden hatte, was einzigartig war, ging verloren. 

Das Motiv, sich einen menschlichen König zu machen, war einfach: Um als Volk besser bestehen zu können. Und als zweites: Um eben so zu sein wie alle anderen. Endlich so sein und so leben zu können, wie alle anderen, das ist ein tiefsitzender Wunsch, nicht nur im geschichtlichen Israel, sondern unter allen Glaubenden, auch in der Kirche, bis heute.

Sein wollen, leben wollen wie alle anderen, ist eigentlich das Thema dieser Episode, die bis in die Kirche unserer Zeit hineinreicht.

Die zweite Lesung stammt aus dem Brief des Apostels Paulus an eine Gemeinde in Kleinasien, an die Gemeinde in Kolossä, und hat nun ein ganz anderes Thema, aber doch auch verwandt mit dem ersten. Es geht um den Lebensstil der Christen. Paulus sagt es ganz einfach, aber auch programmatisch:

„Dankt dem Vater mit Freude! Er hat euch fähig gemacht, Anteil zu haben am Los der Heiligen, die im Licht sind. Er hat uns der Macht der Finsternis entrissen und aufgenommen in das Reich seines geliebten Sohnes.“

Dank und Freude sind also die Kennzeichen der Christen für Paulus. Ihr Lebensgefühl darf geprägt sein von Dankbarkeit und Freude. Warum? Weil Gott den Christen in Kolossä etwas ermöglicht, etwas geschenkt hat: „fähig gemacht, Anteil zu haben am Los der Heiligen, die im Licht sind.“ Für Paulus ist das die Qualität einer christlichen Gemeinde: Das Leben in ihr, das Leben mit den anderen Brüdern und Schwestern ist ein Leben wie im Licht, ist eine Art Aufklärung über sich selbst und die Welt, Aufhellung, ein Leben in der Nähe Jesu, im „Reich des geliebten Sohnes“.

Christsein ist für Paulus nicht ein Herumtappen im Dunkeln und Durcheinander vieler moralischer Ansprüche, die eh keiner erfüllen kann. Christsein besteht für ihn nicht aus nachhaltigem Essen, etwas Geselligkeit im Gemeindehaus, tadellosem Verhalten, dass man, wie man so sagt, „mit niemandem nichts hat“. All das kann dazugehören. Aber der Hauptpunkt, das Alleinstellungsmerkmal der Christen ist für den Apostel ein Leben, das mit Freude und Dankbarkeit grundiert ist. 

Leben als Christ, ein Leben in und mit der Kirche, dem Gottesvolk, ist für Paulus so einzigartig, groß und erfüllend, dass eigentlich nur eine dankbare und frohe Haltung angemessen und ein glaubwürdiges Zeugnis nach außen ist.

Von daher brauchen wir nur noch einen kurzen Blick auf das Evangelium werfen, das uns die Kreuzigung, den Hinrichtungstod Jesu vor Augen gestellt hat. 

Die Königswürde, die einst David übertragen worden war, verkehrt sich im Prozess gegen Jesus von Nazareth in ihr Gegenteil. Sie wird in der Urteilungsbegründung der Grund für die Strafe Jesu: Jesus hätte sich illegal zum König Israels gemacht. 

INRI steht über unseren Kruzifixen: Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum – Jesus von Nazareth König der Juden. Die einmal höchste Würde wurde in den Grund für eine Todesstrafe pervertiert.

Dass Jesus für das eingetreten war, was beide Lesungen heute skizzieren, hatte ihm den Tod gebracht: dafür, dass nur Gott der Herr und König seines Volkes ist, und dafür, dass Gott heute, jetzt seine Herrschaft antreten will, dass er jetzt in Israel handeln will, und die Glaubenden deswegen mit Freude und Dank leben können, sich nicht vergleichen müssen, weil sie alle dasselbe Glück erfahren. Dass sie einander vergeben können, weil Gott vergibt.

Tausend Jahre lagen zwischen der Ernennung Davids zum „König von Israel“ und dem Plakat am Kreuz Jesu: „König der Juden“. Viel Unglück in diesen tausend Jahren, Zerstörung, Deportation, Exil und anderes, und die Verurteilung Jesu zeigen, dass man schnell vergessen kann, dass nur Gott der König und der Herr seines Volkes ist, der einzige Herr unseres Lebens, der frei macht.

Und diese letzte Szene aus dem Leben Jesu zeigt auch, was wir ebenfalls gerne vergessen und schnell verdrängen: das Leiden für Gott und für sein Leben mit uns. Drei sehr drastische Wörter benützt der Evangelist Lukas in dieser Kreuzigungsszene, wenn er die Reaktion der Zuschauer schildert: Verlachen, verhöhnen, verspotten. Das ist das, was Jesus von Nazareth am Ende seiner dreiunddreißig Jahre einfahren konnte an Feedback, sozusagen. Verlacht, verhöhnt, verspottet.

In den über tausend Jahren, in denen das Christentum in unseren Breiten die selbstverständliche Mehrheitsreligion war, in denen die Kirche den Leute sagte, was zu tun ist und was nicht, in der Andersgläubige verhöhnt und bestraft wurden, in dieser Zeit haben wir vielleicht vergessen, dass das Schicksal der Jünger Jesu nicht anders ist als das des Meisters, dass auch missverstanden-werden, verlacht-werden, gefoppt- und gemoppt-werden „um seines Namens willen“, also weil man Christ ist und zur Kirche geht. Vergessen, dass auch das dazugehören kann und sogar mit großer Wahrscheinlichkeit auch eintritt. Es ist gut, dass uns das heutige Evangelium daran erinnert, damit wir nicht überrascht sind, wenn es so ist.

Am Ende des Evangeliums freilich steht noch ein Wort Jesu, das uns leicht fällt, anzunehmen. 

Dem einen reumütigen Verbrecher verspricht Jesus: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ Jesus sagt nicht: im Schlaraffenland, sondern im Paradies, also in der Nähe Gottes, wie am Anfang.

Dem heiligen Bischof Ambrosius von Mailand im 5. Jahrhundert ist aufgefallen, dass allerdings der Verbrecher darum gar nicht gebeten hatte. Er hatte ja zu Jesus nur gesagt:

„Denk an mich, wenn du in dein Reich kommst!“ Nur: Denk an mich… 

Jesus aber antwortet mit der Zusage, dass er heute mit ihm in der Welt Gottes sein werde. 

Ambrosius hat das schön kommentiert. Er sagt: „Semper enim Dominus plus tribuit quam rogatur.“ (Ambrosius, Lukaskommentar X, 121) „Der Herr schenkt immer mehr als das, worum wir ihn bitten.“ „Plus tribuit“ (er gibt mehr) – dieses Plus ist das Kennzeichen Gottes. Gott gibt vielleicht nicht das, worum wir bitten, aber er gibt mehr. Wenn das Leben als Christ Dankbarkeit und Freude als Kennzeichen hat, dann ist Gottes Kennzeichen dieses Plus. 

Wer als Glaubender eine Art Bilanz zieht, wird vielleicht auch Leid und Leiden und Verkanntsein in seinem Leben erkennen. Wenn er im Licht Gottes darauf schaut, sieht er das Plus Gottes, der immer mehr gibt als das, worum wir ihn bitten. Er hat uns vor allem die Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern gegeben, und Gemeinschaft mit ihm. Beides wird in der Eucharistie, die wir heute feiern, sichtbar und wahr.

 

Christkönigsfest C -19./20. November 2022

2 Sam 5,1-3; Kol 1,12-20; Lk 23,35b-43

Schlatt St. Dionysius | Burladingen St. Fidelis

Achim Buckenmaier