Der Fall Sünde

10. Sonntag im Jahreskreis B - Homilie:

Die erste Lesung, die wir heute gehört haben, ist ein starkes Stück, eine Zumutung für jeden heutigen Hörer: Der sogenannte Sündenfall. Zum einen ist da diese etwas poetische, für manche vielleicht primitive Sprache, die von Gott wie von einem Menschen redet, der im Mittagslüftchen im Paradiesgarten spazieren geht, und dann von einer Schlange, die spricht und Adam und Eva zu etwas verführt. 

Aber noch mehr ist es das Thema der Sünde, dass eigentlich so gar nicht mehr in unserer Zeit passen will.

Für viele Menschen ist das Christentum eine Religion, die den Menschen schlecht macht, die ihm ein schlechtes Gewissen einredet, die ihn zum Sünder erklärt, damit sie mit ihrer Erlösung kommen kann und den Preis dafür hochschraubt, das heißt dass der Mensch zur Kirche kommen muss, dass er getauft werden muss, dass er zur Beichte muss, um seine Sünden loszuwerden. Eine solche Konzentration oder man könnte auch sagen: Fixierung auf Sünde wird dem Christentum gern vorgeworfen, zusammen mit der Kritik, dass dieses beständige, krankhafte Betonen von Schuld und Sünde nur dazu dient, dem Klerus, den Pfarrern, Macht über die Menschen zu geben.

Nun, die Kirche hat sich in den letzten Jahren weitgehend von dieser Einseitigkeit befreit. Faktische Schuld ist zu Schuldbewusstsein relativiert und subjektiviert worden. Unter „Sünde“ versteht man heute eher das zusätzliche Stück Torte. Verkehrssünder – das geht gerade noch. Von Sünde zu reden oder auch das Schuldbekenntnis zu sprechen, das ist eher peinlich in der Kirche. Beichtzeiten sind wie Late-Night-Shows ganz am Rand der Veranstaltungen. In den Beichtstühlen stehen die Schneeschaufeln und das Streusalz.

Die Kirche mutet uns aber an diesem Sonntag die „Sündenfallerzählung“ zu, zumindest den Schluss dieser Geschichte. Das war der Inhalt der ersten Lesung aus dem Buch Genesis. 

Es ist klar, dass das kein Bericht ist, keine Reportage eines Tages X kurz nach der Erschaffung der Welt. Es ist eine Erzählung, in die Jahrhunderte von Erfahrungen mit dem Menschen eingegangen ist. Was da gelernt wurde in Israel, im jüdischen Volk, im Zusammenleben der Stämme und Menschen, das ist in diese Geschichte eingeflossen und in Bilder übersetzt. Es lohnt also, ein paar dieser Bilder und Elemente genauer anzuschauen.

Als erstes ist da diese Frage Gottes: „Wo bist du?“. Das ist natürlich eine eigenartige Frage für Gott, der ja alles weiß und kennt. Das hebräische Wort, das hier verwendet ist, aika – wo (bist) du? –, ist ungewöhnlich. Mit ai fragt man nicht nach jemandem, von dem man nicht weiß, wo er sich befindet. Mit diesem „wo“ spricht man eine Art Verwunderung aus, einen Vorwurf, auch einen gewissen Spott, dass jemand nicht zur Stelle ist, dass er nicht da ist, wo er sein sollte, wo man ihn erwartet hatte oder wo man ihn gerade braucht. (Kommentar Benno Jakob zu Genesis. 1934)

Also bedeutet diese Frage „Wo bist du?“: Warum bist du, den ich zum Hüter des Gartens eingesetzt habe, nicht auf deinen Posten? Und wohin hast du dich verloren? Und natürlich noch grundlegender: Wo stehst du eigentlich? Wo ist dein wahrer Standort? Weißt du, wo du hingehörst? Wo deine Aufgabe ist? Bist du da, wo du erwartet und gebraucht bist? Es geht also bei der ganzen Geschichte nicht um diese oder jene Sünde, um diese oder jene Schwäche, die wir haben, sondern um eine grundlegende Justierung unseres Lebens. Wo bin ich wirklich?

Und dann kommt eben das zweite Motiv. Adam antwortet: „Ich habe deine Schritte gehört im Garten; da geriet ich in Furcht, weil ich nackt bin, und versteckte mich.“ 

Auch hier ist es klar: die Sünde ist nicht, dass Eva den Apfel vom Baum klaut. Der Riss kommt aus der Angst vor Gott. Es ist die Angst, dass Gott ihnen etwas vorenthalten hätte. Das ist die Gefährdung aller gläubigen Menschen: Man glaubt an Gott, man will Jesus nachfolgen, man will zur Kirche gehören, sich vielleicht in ihr sogar engagieren … und dann kommt der Moment, wo man Angst bekommt, dass man deswegen etwas verpasst. Wenn ich Gottes Gebote halte, bin ich immer der Depp. Wenn ich Jesus nachfolge, wenn ich als Christ lebe, entgeht mir vielleicht etwas, kann ich mich nicht so „ausleben“, wie ich mag. Wenn ich zur Gemeinde gehöre, dann kann ich am Sonntagmorgen nicht auch noch gleichzeitig zum Skifahren oder zum Familiengeburtstag oder ausschlafen und so weiter.

Die Angst vor einem Leben mit Gott verdreht die Wirklichkeit, macht uns blind für die Fakten, für die einfachen und schlichten Tatsachen und für das Gute und Schöne des Glaubens: „Da geriet ich in Furcht, weil ich nackt bin“, sagt Adam. Vorher hat er ja auch ganz unbefangen mit Gott geredet und nachher macht er sich einfach einen Schurz aus Blättern. Adam macht sich also etwas vor. Die Angst macht aus Gott einen Popanz.

Und sie führt noch zu etwas anderem: Adam wälzt die Schuld auf seine Frau. Eva wälzt die Verantwortung auf die Schlange. Das Verhalten des Mannes ist typisch für uns, wenn etwas schiefläuft oder wenn wir wirklich Schuld auf uns geladen haben: Wir versuchen, die eigene Beteiligung an einer Sache möglichst kleinzumachen und dafür andere stärker zu belasten: „Die Frau, die du mir beigesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben.“ Und: „Die Schlange hat mich verführt. So habe ich gegessen.“ In der hebräischen Sprache, in der das Alte Testament geschrieben ist, braucht Eva nur drei Worte, um das zu sagen: hannācḥāsch hiššîanî wā’ōḵēl. Sozusagen: Schlange. Verführt. Gegessen.

Wenn wir Rechte für uns einklagen, wenn wir etwas für uns beanspruchen oder wenn wir präsentieren, was wir super gemacht haben, reden wir gern, lange und wortreich. Wenn es aber um unsere Schuld geht, um die eigene Verantwortung geht, wie wir vielleicht nicht wahrgenommen haben, belässt man es schmallippig wie Eva bei drei Worten.

Vielleicht sehen Sie heute Abend/Morgen, dass dieser Erzählung gar nicht daran gelegen ist, den Menschen schlecht zu machen, ihm ein schlechtes Gewissen einzureden. Es geht nur darum, dass wir sehend werden für unsere eigene Situation als Menschen, für den labilen Stand, den wir haben, für die prekäre Lage, in der wir uns befinden. Nicht damit wir erschrecken, in Sack und Asche sitzen, niedergedrückt sind, depressiv. Sondern, damit wir nach den Mitteln Ausschau halten, wie wir uns und so unserer Welt helfen können.

Hier kann man auf das Evangelium dieses Sonntags schauen, besonders auf diese etwas eigenartige Szene, in der die Familie Jesu, inklusive Maria, ihn sogar mit Gewalt nach Hause bringen wollen. Da gibt es zwei bemerkenswerte Aussagen, mit denen der Evangelist den Konflikt charakterisiert: Zweimal sagt er: Maria und die Verwandten Jesu „blieben draußen stehen“. Man sagt ihm: „Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen.“ Von den Jüngern Jesu heißt es dagegen, auch zweimal: „Es saßen viele Leute um ihn herum.“ Und: „(Jesus) blickte auf die Menschen, die im Kreis um ihn herumsaßen…“

Die Alternative ist also: Draußen stehen, draußen bleiben oder: Um Jesus herumsitzen. Das ist die Antwort auf die Sünde, auf Schuld, auf Versagen, Fehler und Macken. Sie brauchen uns nicht traurig machen, nicht deprimiert oder selbstmitleidig. Auch bei der Beichte, auch beim Schuldbekenntnis, auch bei der Gewissenserforschung geht es zuerst darum, dass wir „um ihn herumsitzen“, „im Kreis um Jesus sitzen“. Dass wir nicht allein mit uns zurande kommen wollen, sondern die anderen um Hilfe bitten, dass wir auch die Kirche, die Bibel, den Gottesdienst als diese Hilfe ansehen, auch jetzt. Wenn wir das nicht wollen und suchen, kann auch Gott nichts für uns tun. Das ist die „Sünde wider den Heiligen Geist“, von der das Evangelium auch sprach heute, die nicht vergeben werden kann.

Bitten wir Gott, dass wir vor allem diese Lust und Sehnsucht haben, „um Jesus herum zu sitzen“, die Sehnsucht nach dem Gottesdienst, nach der Versammlung meiner Schwestern und Brüder. Die Sakramente, vor allem die Eucharistie am Sonntag, sind die Hilfen, die uns Gott gibt. Dann kann er ruhig seine Frage auch an uns stellen: „Wo bist du eigentlich?“ Und wir können frei sagen: Hier bin ich.

10. Sonntag im Jahreskreis B, 8./9. Juni 2024  |  Haigerloch St. Anna; Hechingen St. Jakobus  |  Lesungen: Gen 3,9-16; 2 Kor 4,13-5,1; Evangelium: Mt 3,20-35 |  Achim Buckenmaier