Ein kleiner Zweig, von ganz unten

Homilie zum Zweiten Advent 2022

 

 

Mit dem ersten Advent, am letzten Sonntag, hat ein neues Kirchenjahr begonnen. Konkret äußert sich das für uns in der Liturgie, dass wir an den kommenden Sonntagen im Advent und dann im Jahr 2023 immer aus dem Matthäus-Evangelium lesen, das heißt dass uns dieses Evangelium den Blick auf die Welt und auf uns in ihr öffnen wird. Das Matthäus-Evangelium ist nicht das erste und älteste der vier Evangelien, aber es wurde immer besonders geschätzt und im Neuen Testament an die erste Stelle gesetzt. 

Zwei Charakteristika, zwei Besonderheiten zeichnen es aus:

Das eine ist: Im Matthäus-Evangelium haben die Erfahrungen der ersten christlichen Gemeinden am deutlichsten ihre Spuren hinterlassen. Was Matthäus von Jesus erzählt, erzählt er bewusst auf dem Hintergrund der Erfahrungen, die er und die Jünger, Männer und Frauen in der Urgemeinde in Jerusalem und den ersten Gemeinden gemacht haben. Dieses Leben der Gemeinden, ihre Schwierigkeiten und Freuden, ihre Erfahrungen mit Schuld und Versöhnung, Neid und Herrschen, mit Leitung und Gemeinschaft half Matthäus, die Person und die Botschaft Jesus von Nazareth noch besser zu verstehen und darzustellen.

Und das Zweite hängt damit zusammen. Das Matthäus-Evangelium ist ein ganz und gar jüdisches Evangelium. 

Matthäus zeigt, woher Jesus kam, was der Boden war, auf dem er stand, was das Erdreich war, aus dem er kam. Deswegen setzt er ganz an den Anfang seines Berichts nicht die Erzählung von der Geburt Jesu, sondern zuerst einen ganz ausführlichen Stammbaum Jesu. Dreimal vierzehn Generationen nennt er mit Namen von Männern und Frauen. Den Anfang macht Abraham. Aus dieser Geschichte heraus wächst Jesus. Fast zweitausend Jahre hat es gebraucht, bis es einen solchen Menschen wie Jesus geben konnte. 

Die Kirchenväter, die frühen Theologen der Kirche, haben sich gefragt, warum Jesus so spät in die Welt kam. Hätte Gott ihn nicht schon früher senden können, schon nach Adam und Eva oder als Israel durch die Wüste zog oder irgendwann danach? Die Antwort ist einfach: So viele Generationen mussten ihre Erfahrungen mit Gott machen. So vieles musste Israel als Volk lernen, durch Wege und Irrwege, durch Fehler und Versagen, so viel musste aus der Geschichte aufgesammelt werden, um Gott und sein Wollen, seine Pläne verstehen zu können, um hören zu können.

In poetischen Bildern erzählen die erste Lesung, aus dem Prophetenbuch des Jesaja, und der heutige Abschnitt aus dem Matthäus-Evangelium davon. 

Zweimal kommt dabei das Bild eines abgehauenen Baumes vor, von dem nur noch der Baumstumpf übrigbleibt, also das, was man gerade noch sieht, das aus der Erde ragt, wenn ein Baum abgeholzt ist. Bei Jesaja ist es das Bild für eine Wirklichkeit, die schon eingetreten ist, bei Matthäus im Wort des Täufers Johannes eine Warnung für die Zukunft.

Aber beides Mal ist der abgehauene Baum ein Bild für den Zustand des Gottesvolkes, für die Verfassung der Glaubenden. Die Geschichte Gottes scheint an ein Ende gekommen zu sein. Was einmal Früchte tragen sollte für die Welt, Früchte des Friedens und der Gerechtigkeit, ein Modell für eine menschliche Gesellschaft, ein friedfertiges Leben, ist tot wie ein abgehauener Baum.

Das Volk Israel ist geworden wie alle anderen Völker. Es gibt große Ungerechtigkeiten im Volk, Mächtige und Schwache. Man vertraut auf Diplomatie, militärische Bündnisse, politische Winkelzüge und Geld, nicht mehr auf die Torah, das Gesetz Gottes, auf seine Sozialordnung und seine Verheißungen. Zur Zeit Jesu waren es Parteiungen, die das Volk als Gemeinschaft zerstörten: die einen kollaborierten mit der Besatzungsmacht, andere kämpften mit Waffen als Partisanen; die einen waren fromm und streng, die anderen lax und geschmeidig mit den Geboten.

Der Baum, den Gott in die Welt eingepflanzt hatte als Lebensbaum, war wie tot. Das scheinen Bilder für eine lange zurückliegende Vergangenheit zu sein.

Aber viele von uns empfinden es heute ähnlich. Die Kirchen leer. Viele Aktivitäten, die man noch in den 70er Jahren mit Kraft betreiben konnte, eingestellt. Ein „Pfarrfamilienleben“ mit vielen Engagierten: schwierig heute. Die Bischöfe: ratlos. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: überfordert, immer am Anschlag. Trotz viel Aufwand und auch viel Liebe und Zuwendung herrscht eher Gereiztheit, Entmutigung als Freude.

Man kann das heute nicht einfach wegreden. Was kann Gott da tun? Was tut er? Jesaja hat uns einen Hinweis gegeben mit seiner Verheißung. Der Baumstumpf ist tot, der Stamm, wie er mal war, kann nicht mehr hochkommen. Nur an der Seite, ganz unten, wächst ein Reis, also ein Reisig, ein kleine Zweiglein heraus; „ein junger Trieb aus den Wurzeln“, also von ganz unten, an der Seite, wo man es auf den ersten Blick gar nicht sieht.

Auch das ist ein Bild. Auch das ist Poesie. Aber es ist nicht eine hehre, unrealistische Vision, dass aus der Kirche unserer Tage Neues entsteht. Damit wir es als nicht ein fernes Ideal, als eine Art schöne Vertröstigung missverstehen, hat die Liturgie noch die zweite Lesung dazugetan, das, was Paulus an die Gemeinde in Rom geschrieben hat.

Und da stechen zwei Sachen heraus:

Paulus weist die Gemeinde auf die Schrift hin, auf das Alte Testament. Sie ist Belehrung und Trost. Das heißt: Die Erfahrungen, die dort zu finden sind, die Worte Gottes, seine Offenbarung, kann uns auch unsere Zeit verständlich machen. Die Bibel ist nicht irgendeine Nebensache, die man so als ein bisschen Impuls und Meditation auch noch macht, wenn man als einzelner Christ darin liest oder wenn man sie bei Sitzungen und Treffen zitiert. Die Bibel klärt uns auf über Gott, über die Welt, über uns und unser Verhalten. Sie zeigt uns, dass wir normalerweise – wie in den Bildern des Jesaja – für einander Löwen, Wolf und Panther sind, die einander anfallen.

Und sie zeigt, dass es in der Nachfolge Jesu einen anderen Weg gibt. Paulus nennt es „einmütig werden“, „eines Sinnes werden“. Und der Weg dahin ist, wieder mit den Worten des Paulus, ist: „einander annehmen“ und „Geduld miteinander haben“. Viele Stellen in den Paulusbriefen kommen immer wieder darauf zurück. Einander annehmen heißt auch: einander ertragen und so tragen. Einander korrigieren und so miteinander barmherzig sein. Ich bin nicht der Nabel der Welt. Ich bin nicht der Richter der anderen und nicht das Maß der Gemeinde.

Dann kann sich der „Geist des Herrn“ auf uns niederlassen, zwischen uns, in die Sitzungen und Initiativen und Gottesdienste. Der Geist der Weisheit und Einsicht, der Geist des Rates und der Stärke, der Erkenntnis und der Gottesfurcht. Dann kann das kleine Zweiglein des Glaubens wachsen. Dann sind wir ein Hoffnungszeichen für die Vielen – unser Auftrag!

Die Eucharistie, die wir jetzt feiern, zeigt uns Jesus, der ertragen und getragen hat, und nimmt uns in seine Haltung hinein.

 

Zweiter Advent A – 4. Dezember 2022
Lesungen: Jes 11,1-10; Röm 15,4-9; Evangelium: Mt 3,1-12
Hechingen St. Jakobus
Achim Buckenmaier