Ein schwieriger Brief nach Korinth

4. Sonntag im Jahreskreis B - Homilie:

Jeden Sonntag legt uns die Kirche drei Schrifttexte im Gottesdienst vor. Aus dem Alten Testament und dem Neuen Testament. Texte, die – wie die heutigen – nicht immer leicht zu verstehen sind, die manchmal für unsere Ohren anstößig und unser Empfinden verstörend sind. Deswegen gab und gibt es immer wieder in der Kirchengeschichte Versuche, diese schwierigen Stellen aus der Bibel herauszunehmen, zu glätten oder einfach zu ignorieren. Es gibt zurechtgeschusterte Auswahlbibeln, aus denen solche schwierigen, ärgerlichen Passagen herausgeschnitten sind. „Jugendbibeln“, „Bibeln in gerechter Sprache“, „Bibeln in leicht verständlicher Sprache“, „Bibeln für Anfänger“ und so weiter. Im 2. Jahrhundert nach Christus musste die Kirche gegen die Tendenz angehen, das ganze Alte Testament zu streichen. 

Wenn wir diesen Versuchen, oder besser: Versuchungen nachgeben würden, die Bibel von allem zu „säubern“, was wir nicht verstehen oder was uns fremd vorkommt, dann käme ein nur noch belangloses Buch heraus, ein schmales Büchlein, mit ein paar netten Geschichten von Jesus. Ein Wellness-Handbuch für die Seele. Eine Art Poesiealbum mit gefälligen Anekdoten und Sprüchen. Als ich die zweite Lesung dieses Sonntags anschaut habe, war ich aber auch versucht, diese Lesung aus dem 1. Korintherbrief wegzulassen. Was soll man darüber denken, was soll man davon halten, wenn diese Worte Apostels Paulus heute, im 21. Jahrhundert, hier bei uns, vorgelesen werden:

„Ich wünschte, ihr wäret ohne Sorgen. Der Unverheiratete sorgt sich um die Sache des Herrn; er will dem Herrn gefallen. Der Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; er will seiner Frau gefallen. So ist er geteilt“?

Ist das eine übertriebene Verherrlichung ehelosen Lebens? Eine leib- und geschlechtsfeindliche Überschätzung, die viel Unglück in der Kirchengeschichte angerichtet hat? Ist es eine Missachtung und Geringachtung der Eheleute und der Ehe insgesamt?

Ich habe mich darüber mit einem befreundeten Priester gesprochen und er hat mir geraten, diese Worte des Paulus nicht zu ignorieren, sie uns vielmehr zuzumuten, so wie es die Liturgie der Kirche vorsieht und vorschreibt, und darüber nachzudenken. Und es ist richtig, denn wie auch immer man einen Teil der Bibel anschaut, es ist die Heilige Schrift als Ganze, die uns die Kirche vorlegt, die sie durch die Jahrhunderte bewahrt und gelesen hat, und ich kann mir nicht die Stücke herausschneiden, die mir nicht gefallen. Vielleicht ist diese Lesung aus dem Brief des Paulus an die Christen in Korinth eine Hilfe, dass wir überhaupt verstehen, was ein solcher Text ist. Zumal wir an den kommenden Sonntagen immer wieder Abschnitte aus den zwei Briefen hören werden, die Paulus an diese Gemeinde geschrieben hat.

Was ist der erste Korintherbrief? Paulus hatte diese kleine Gemeinde in der Hafenstadt Korinth am Isthmus zwischen dem griechischen Kernland und der Halbinsel Peloponnes selber gegründet, er hatte diese Leute, denen er schrieb, persönlich als Christen gewonnen, er hat dort anderthalb Jahre gelebt und in einem Lederunternehmen des christlichen Unternehmerehepaars Aquila und Priska mitgearbeitet. In keiner anderen griechischen Stadt hat er so lange gelebt wie in Korinth. Paulus kannte also die meisten Gemeindemitglieder persönlich.

Korinth war eine Zeit lang die am dichtesten bevölkerte Stadt Griechenlands. Matrosen, Prostituierte, Zugezogene aus allen Ländern, Händler, reiche Schiffsreeder bevölkerten die Stadt. Eine Art Hamburg St. Pauli der Antike. Reichtum und Armut und Diversität spiegelten sich auch in dieser neuen kleinen Gemeinschaft der Jesus-Jünger wider und vieles, was wir in seinen Briefen, den sogenannten Korintherbriefen lesen, erklärt sich aus diesem Gemisch von Personen, aus ihren Schwierigkeiten, Nöten und Freuden in einem ganz neuen Leben, einem gemeinschaftlichen Leben.

Ihnen konnte Paulus also auch solche Sätze schreiben, die ins Persönliche des Lebens hineinreichen, in Fragen des Lebensstils, des Geldes, des Geschäftsgebahrens und auch der Sexualität und der Ehe. Paulus hat nicht als Pfarrherr oder Bischof von Ferne eine Art Hirtenbrief an Menschen geschrieben, die er nicht kannte, Briefe, die dann irgendwo gedruckt und gelesen wurden, sondern er hat in eine Gemeinde hineingeschrieben, die sich jeden Sonntag versammelte, zum Gottesdienst, aber auch zu einer Versammlung, einem Treffen, in dem alles besprochen werden konnte, was das gemeinschaftliche, aber auch das persönliche Leben der Christen anging. 

In diesem kulturellen Umfeld war zum Beispiel das Leben als Unverheirateter oder Unverheiratete ganz gering geachtet, ja verachtet. Eine Frau, die ehelos lebte, galt als eine, die vielleicht unglücklicherweise sitzen gelassen war, oder die Frau war eine Witwe oder eine Prostituierte. Das war in der Antike, in diesem aufgeheizten kulturellen Klima Korinths ein Makel, ein menschlicher und wirtschaftlicher Nachteil. 

Vielleicht steckt in dieser provokanten Hochschätzung der Ehelosigkeit, die wir heute in den Worten des Paulus gehört haben, auch eine Gesellschaftskritik, eine Aufforderung an die Christen in Korinth, die Sache einfach anders herum anzuschauen. Nicht von der Frage her: Bin ich verheiratet oder nicht? Befriedige ich meine Bedürfnisse oder nicht? Sondern von der Frage: Dient mein Leben Christus? Lebe ich aus der Freude, Christ zu sein, aus der Dankbarkeit, dass ich durch meine Taufe in dieser neuen Gemeinschaft Brüder und Schwestern gefunden habe, auch wenn sie ganz unterschiedlich, sogar unverträglich sind? Lebe ich „geteilt“, wie Paulus fragt: Geteilt zwischen meinem sogenannten normalen Leben und meinen Leben als Christ. Geteilt zwischen den Werktagen und dem Sonntag, an dem ich plötzlich ein anderer bin? Paulus kannte Korinth, kannte die Christen dort, wusste, wie sie denken. Er hat ja viele Monate mit ihnen eng zusammengelebt, sie in vielen Versammlungen erlebt, Sonntag für Sonntag mit ihnen gesprochen, Gottesdienst gefeiert.

Warum wir uns so schwertun, solche Sätze wie die der heutigen zweiten Lesung zu verstehen und zu akzeptieren, das liegt sicher auch daran, dass wir diese Form des Miteinanders gar nicht mehr kennen. Die Kirche hat diese Form des Zusammenlebens weitgehend vergessen. In kirchlichen Gemeinschaften, in den Orden wurde und wird das gelebt, zumindest versucht, es zu leben. 

Wissen aber  w i r  voneinander? Kennen  w i r  uns? Treffen unter Christen sind heute zumeist Sitzungen, Gremien, Termine. Suchen wir ein Miteinander, das sich nicht in Besprechungen erschöpft, in dem wir einander unsere Leben erzählen, welche Freuden und Nöte wir haben, was uns gelingt und mit was wir nicht zurechtkommen? Die Kirche hat diese Aufgabe durch Jahrhunderte auf einzelne abgeladen, die als „Seelsorger“ in den Gemeinden sind. Das ist eine große Hilfe gewesen und ist es noch. Aber ein einzelner kann nicht alle im Blick haben, kann auch nicht alles wissen und er selbst braucht auch Hilfe, Rat, Korrektur.

Am vergangenen Sonntag war in unserem Bistum der Blick auf die Neustrukturierungen der Pfarreien ab 2026 gerichtet mit der Nennung der „Leitenden Pfarrer“. Viele fragen sich, wie soll das gehen? Wie kann man als Seelsorger Menschen im Blick haben, die weit verstreut voneinander leben, 50, 60 Kilometer voneinander entfernt? Die Antwort ist einfach: Es kann nicht gehen. Ein einzelner kann das nicht und auch drei oder vier Priester und eine Gruppe weiterer Mitarbeiter können das nicht.

Um überhaupt einen Ansatz für eine Antwort zu finden, kommt uns heute die Liturgie mit diesem fremden Brief des Paulus zu Hilfe. Die heiklen Punkte in unserem Leben – Wirtschaft, Geld, Macht, Sexualität, aber auch der Glaube selbst, die Weitergabe des Glaubens an die nächste Generation, die Verkündigung des Evangeliums in einer säkularen Welt, unter Angehörigen anderer Religionen und Nichtglaubenden – all das findet eine Antwort, wenn wir in der Gemeinschaft des Glaubens leben, wenn wir unsere Leben als Christen miteinander verbinden, wenn wir gemeinsam den Auftrag Jesu übernehmen. In der Geschichte des Gottesvolkes, von Abraham an, seit fast viertausend Jahren, ist dies immer wieder misslungen, aber es ist auch gelungen, durch Gottes Hilfe geglückt.

„Einen Propheten wie dich will ich ihnen mitten unter ihren Brüdern erstehen lassen.
Ich will ihm meine Worte in den Mund legen und er wird ihnen alles sagen, was ich ihm gebiete.“

Das war Gottes Verheißung an Mose, wie wir in der ersten Lesung gehört haben. „„Einen Propheten wie dich will ich ihnen mitten unter ihnen erstehen lassen.“ Das hat sich erfüllt in Jesus aus Nazareth, mehr als tausend Jahre später. Mehr als tausend Jahre hat es gebraucht von Mose bis Jesus. Aber es ist wahr geworden. Immer wieder hat es Gott wahr gemacht, konnte es wahr machen, weil er Menschen fand, die seine Gemeinschaft bildeten, seine Schar, die ungeteilt ihm dienten, in Israel, in Korinth, an unzähligen Orten. Warum sollte es bei uns nicht möglich sein – wenn wir wollen?

4. Sonntag im Jahreskreis B, 27./28. Januar 2024  |  Killer Maria Dolorosa, Hechingen St. Jakobus  |  Lesungen: Dtn 18,15-20; 1 Kor 7,32-35; Evangelium: Mk 1,21-28  |  Achim Buckenmaier