Eine Heidenangst

12. Sonntag im Jahreskreis B - Homilie:

Die Geschichte vom Seesturm, von der Panik der Jünger und der Souveränität Jesu ist nicht bloß eine einmalige, aufsehenerregende Story aus dem Leben Jesu. Es ist eine sehr tiefgründige Kurzgeschichte, die nicht nur etwas von Jesus, sondern auch von uns erzählt. 

Das zentrale Bild, das dafür gewählt wird, ist die geheimnisvolle Gewalt des Meeres. Der Sturm, der Wellen meterhoch aufpeitscht und die Meeresoberfläche in Berge und Täler verwandeln kann, in denen ganze Schiffe verschwinden. Die schier unergründliche Tiefe des Meeres, bis zu 11 km tief, die schon nach wenigen Metern in ein undurchdringliches Dunkel führt. Ist man einmal auf einem der riesigen Ozeane oder auch nur auf einem der großen Seen und sieht kein Land mehr, ist man ohne Hilfsmittel völlig orientierungslos. 

All das kann einem Menschen heute noch Furcht und Schrecken einjagen. Dem antiken Menschen galt das Meer aber als das Urbild des Chaos, dem man ausgeliefert ist und in dem man verloren findet.

Dieses Grundgefühl hat heute viele von uns erfasst, die einen mehr, die anderen weniger. Klimawandel, Kriege und die Undurchsichtigkeit weiter Bereiche unseres Lebens, die wir nicht mehr oder wenig verstehen, tun das Ihre. Wir sorgen uns um unsere Gesundheit und beobachten ängstlich jede Veränderung an unserem Körper: die Falten, das Reißen im Rücken… Im Jahr 2003 hat ein amerikanischer Forscher alle Ängste zusammengetragen und aufgelistet, die Menschen heute so haben und klinisch als Ängste festgestellt wurden. Er fand 426 Ängste, die von A wie Ablutophobie, der Angst sich zu waschen oder zu baden, bis Z wie Zoophobie, der Angst vor Tieren, reichen. Jedes Jahr kommen neue Ängste hinzu.

Vielleicht verstehen wir so, wie modern die Frage Jesu ist: Warum habt ihr solche Angst? Darauf läuft die ganze Erzählung hinaus:  „Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?“

Das Missgeschick, in einen ungünstigen Wind auf dem See von Genezareth hineingefahren zu sein, nützt Jesus zu einer grundlegenden Frage: Warum habt ihr Angst? Warum habt ihr kein Vertrauen? Jesu grundlegende Frage ist die, ob wir aus der Angst heraus leben oder im Vertrauen auf Gott. Prägen Ängste mein Leben, wenn ich morgens aufstehe und den Tag beginne, oder die Sicherheit, dass Gott die Welt trägt und erhält? In der Schöpfungsgeschichte wird erzählt, dass das Erste, was Gott macht, das Ordnen des Chaos ist, dass er Wasser und Land scheidet, dem Meer Grenzen setzt. Darauf kann ich vertrauen: Gott erhält die Welt. Das setzt nicht unsere Verantwortung außer Kraft. Im Gegenteil. Er hat uns ja die Erde anvertraut und sie uns überlassen. Und er hat uns in diese Aufgabe mit hineingenommen, die Erde zu erhalten, zu verbessern, gegen das tägliche Chaos in unserem Leben und unseren Schubladen und unseren Beziehungen anzuarbeiten.

Weil ich darauf vertraue, dass Gott der Schöpfer und der Erhalter des Himmels und der Erde ist, brauche ich mich nicht durch die Unsicherheiten lähmen lassen, kann ich mit ihm daran mitarbeiten, diese Welt zu verändern.

Im Mund Jesu – wir haben das gehört – wird die Frage nach der Angst im Sturm zur Glaubensfrage. Jesus sagt nicht: Warum habt ihr Angst? Es sind doch nur ein paar Meter bis zum Ufer. Oder ein solcher Sturm kommt jedes Jahr einmal vor. Er fragt ganz anders: „Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?“ Und damit wird die Seesturmgeschichte im Markus-Evangelium zu einer Glaubensgeschichte. Das Naturphänomen, dass der Wind sich plötzlich legt, interessiert nicht weiter. Es ist nicht wichtig. Es ist nur das Mittel, der Weg, um diese Frage zu stellen: Habt ihr keinen Glauben?  Das fragt der Evangelist Markus seine Gemeinde, indem er diese Geschichte in sein Evangelium aufnimmt. 

Es ist eine Kritik an den Jüngern, an denen, die sich Christen oder Juden nennen, die sich zu Gottes Volk zählen. 

Eine Kritik, die durch alle Jahrhunderte von Abraham an bis zu uns immer wieder vorgebracht werden muss: Dass diejenigen, die mit dem Glauben an Gott beschenkt wurden, diejenigen, die die Geschichte Gottes schon kennengelernt haben, dass die doch immer wieder in die Angst um sich selbst, um die Welt und die Kirche zurückfallen. 

Es ist Kritik an uns, die wir das Geheimnis der Gottesherrschaft wissen könnten, die wir wissen könnten, dass Gott im Verborgenen handelt, dass er in der Welt seine Heilspläne nur mit freien Menschen durchsetzen will. Dass er im Unscheinbaren da ist, nicht mit Pauken und Trompeten durch die Welt fährt.  Dass er seinen Weg nicht mit Papieren, Manifesten und Projektbeschreibungen pflastert. Dass der Weg, wie Gott in der Welt zum Guten handeln kann, durch Opfer und Leiden führt.

Die Seesturmgeschichte mit der Frage Jeus nach dem Glauben ist Kritik am Unverständnis der Jünger und auch daran, dass wir nicht wahrhaben wollen, dass der Weg Jesu ans Kreuz geführt hat, ein Weg, der zur Norm auch seiner Jünger werden soll. 

Vielleicht dürfen wir die Unsicherheiten unserer Zeit auch einmal als eine Erprobung sehen, ob wir noch diesen Glauben haben. Das Boot, in dem die Jünger seekrank sitzen und aufheulen und in dem Jesus seelenruhig schläft, wurde schon immer als Bild für die Kirche gesehen. Als „Schifflein Petri“ ist es in Theologie und Kunst eingegangen. 

Manchmal erinnern mich die Reaktionen in der Kirche auf Probleme und Veränderungen in der Kirche, in den Pfarreien, an die panischen Jünger auf dem See Genezareth: „Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?“ Wenn einmal etwas nicht so abläuft, wie es „immer schon war“, etwas, das „wir immer schon so gemacht haben“, wenn etwas nicht klappt, oder jemand mich um etwas bittet, was vielleicht nicht meine Aufgabe bisher war, eine Handreichung, einen Dienst, einen Schlüssel, eine halbe Stunde, dann sehen wir schon Untergang und Gefahr. „Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?“ Es ist – mit dem treffenden deutschen Wort gesagt – unsere „Heiden-Angst“, die da durchbricht. 

Das Seesturm-Evangelium ist, wie es ein Theologe gesagt hat, „eine Predigt gegen den Unglauben der Gemeinde“. Oder, wenn man es positiv sagen möchte, ein Werben Jesu um unseren Glauben, unsere Sicherheit, dass sich Gottes Reich, die Gottesherrschaft, im Chaos der Welt durchsetzt und dass Gott die Welt, die Kirche und mein und dein Leben jeden Tag erhält und in Händen hält.

12. Sonntag im Jahreskreis A, 22./23. Juni 2024  |  Burladungen Comunità Cattolica Italiana und St. Fidelis  |  Lesungen: Hiob 38,1.8-11; 2 Kor 5,14-17; Evangelium: Mk 4,35-41  |  Achim Buckenmaier