Erscheinung des Herrn heute

Homilie zum Fest Erscheinung des Herrn 2023 - 

 

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Sternsinger,

unter allen Geschichten um die Geburt Jesu in Bethlehem ist diese Erzählung vom Kommen der Magier, der Sterndeuter, vielleicht die anrührendste. 

Die erzählerische Kraft der Drei-Königs-Legende hat unzählige Künstler inspiriert und die Phantasie vieler Menschen beflügelt. 

Aus den Magiern wurden in der Vorstellung Könige. 

Die drei Geschenke – Gold, Weihrauch und Myrrhe – ließen auf drei Personen schließen. 

Die drei Könige stehen in der Vorstellung der Menschen für die drei Lebensalter: einer war ganz jugendlich, einer im Erwachsenenalter, einer war ein alter Mann. 

Und die Idee eines „Mohren“, eines Afrikaners war Ausdruck der Gewissheit, dass diese Geschichte alle Kontinente berührt und dass in der Begegnung mit dieser Geschichte die gleiche Würde aller Menschen sichtbar wird, denn der eine „man of colour“ war ja nicht Diener oder Sklave, sondern König neben den anderen beiden.

Nur einer der vier Evangelisten, Matthäus, hat diese Begebenheit erzählt. Und er hat sie bewusst an den Anfang seines Evangeliums gesetzt, in das zweite Kapitel seines Buches. Die drei kommen von „Osten“ nach Jerusalem. Sie sind Magier, Sterndeuter, heute würde man sagen: Wissenschaftler, Astronomen, Forscher, Naturwissenschaftler. Sie sind keine Juden, kennen nur in Bruchstücken diese Geschichte Israels, nur vom Hörensagen. Sie repräsentieren das Heidentum, die nichtbiblische Welt. Sie stehen für die Völker der Erde und für ihre Religionen. Sie kommen.

Am Ende des Matthäus-Evangeliums, ganz am Schluss, steht eine ähnliche Szene. Da ist nicht mehr das kleine Kind Jesus in der Krippe im Mittelpunkt, sondern der auferstandene Jesus von Nazaret, und es geht nicht mehr um das Kommen von den fernen Völkern her, sondern um das Gehen, um das Aussenden und Ausschwirren zu den Völkern. Der Auferstandene sendet seine Jünger in die weite Welt hinaus: „Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ Das ist das letzte Wort Jesu und das ist dann auch der Schluss des Evangeliums.

Mit der Erzählung von den Sterndeutern am Anfang, die von weither kommen, und der Aussendung der Jünger ins Weite der Erde, hat Matthäus eine Klammer um seine Jesus-Geschichte gebaut, hat einen Rahmen geschaffen. Die Sterndeuter, die Magier, wussten nur schemenhaft von dieser Geschichte, nur einen Stern hatten sie gesehen. Die Jünger Jesu, dreißig Jahre später, waren Augen- und Ohrenzeugen des Lebens und der Botschaft Jesu geworden. Alles, was Matthäus dazwischen von Jesus erzählt, drängt darauf hin, dass sie die Geschichte Gottes mit Israel weitertragen und weitergeben, dass sie ferne Menschen, spätere Generationen daran teilhaben lassen.

„Lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.“ Das heißt: Zeigt durch euer Leben, dass alle Gebote, alle Verheißungen, alle Offenbarung über Gott und die Welt, die das winzige Völkchen Israel, in einem Winkel der Erde, am Schnittpunkt der Kontinente, erhalten und erfahren hat, dass all das eine Bedeutung für die ganze Welt hat, dass es zum Segen für alle Menschen werden kann, für ihre Gesellschaften, ihr soziales Miteinander, zum Schutz der immer Schwachen, der Marginalisierten, der Wehrlosen, der Friedfertigen.

Von Anfang an des Evangeliums ist also diese Perspektive vorhanden, dass wir in der Glaubensgeschichte etwas erfahren haben, was kostbar ist, was zur Humanisierung der Gesellschaft beiträgt, ja diese erst garantiert, hilft zu einem menschenwürdigen und menschenfreundlichen Leben. 

Und wenn die Kinder und Jugendlichen heute in unsere Stadt und in unseren Dörfern umherziehen, dann ist das nicht ein niedliches Kinderspiel, sondern ist Ausdruck unserer Gewissheit. CMB – Caspar, Melchior und Balthasar, schreiben sie an die Häuser. Eine konkrete Geschichte, nicht irgendeinen abstrakten Segen, sondern eine Geschichte, die durch geschichtliche Personen zu uns kommt, durch die Heiligen aller Zeiten, durch heilige Heiden, durch das jüdische Volk. CMB ist auch die Abkürzung des lateinischen Satzes „Christus mansionem benedicat“ – Christus segne dieses Haus. 2023, also nicht irgendwann, nicht an einem Sankt-Nimmerleinstag, sondern heute, dieses Jahr.

Irgendwann im vergangenen Jahr haben wir in einem kleineren Kreis unserer Seelsorgeeinheit über verschiedene karitative Tätigkeiten gesprochen, über die Seelsorge und Fürsorge in Krankenhäusern, Altenheimen, den Geflüchteten und dem Gefängnis. Und da war schnell das Wort zu Hand: „Nur nicht missionieren!“ „Nur keinen bekehren wollen!“ Das kann richtig verstanden werden. Die Christen gehen nicht zu den Leidenden, Einsamen, Alten, um sie für die Kirche zu rekrutieren. Wir gehen um der Menschen willen zu ihnen, um ihnen zu helfen, sie aufzurichten, sie zu befrieden, zu trösten, zu erfreuen. 

Aber wir tragen doch etwas zu ihnen, was ihnen sonst niemand bringen kann. Wir tragen innerlich ein Wort zu ihnen, das ausgesprochen oder nicht, unser eigenes Leben erfüllt: „Ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ 

Inmitten der Pandemie, der Klimakrise, des Krieges und unseres persönlichen Chaos wissen wir, dass diese Geschichte, die die Magier angelockt hat, das Beste ist, was man den Menschen bringen kann, dass dieser Stern der Stern der Hoffnung ist. Wir überreden niemanden, bequatschen niemanden mit frommen Sprüchen. Nur das eine: Wir wissen, dass wir einen Schatz tragen, kostbarer als Gold, Weihrauch und Myrrhe der Weltanschauungen, Weltverbesserungen und Religionen. Wir helfen der Welt, indem wir als Glaubende leben, indem wir selbst umkehren und nach Jerusalem gehen, indem wir jeden Tag, jeden Sonntag die Kirche bilden, dieses wacklige, unscheinbare Etwas in der Geschichte der Welt, Gemeinden hier in der Stadt und als kleine Gemeinschaften auf den Dörfern, wo immer Glaubende zusammen kommen.

Wir helfen der Welt, in dem wir wie die Magier die Geschenke unseres Lebens, unsere Kronen, unsere Eigenmächtigkeiten aufgeben und dem einen Herrn hinhalten. 

Papst Benedikt XVI. hat es 2005 beim Weltjugendtag in Köln auf dem Marienfeld ganz wunderbar gesagt. In Köln befinden sich ja die Reliquien der Heiligen drei Könige. Von ihnen sagte Benedikt XVI.:

„[Die Magier] wollten durch den Dienst für [Jesus] und die Gefolgschaft mit ihm der Sache der Gerechtigkeit, des Guten in der Welt dienen. Und da hatten sie recht. Aber nun lernen sie, dass das nicht einfach durch Befehle und von Thronen herunter geschehen konnte. Nun lernen sie, dass sie sich selber geben müssen – kein geringeres Geschenk verlangt dieser König. Nun lernen sie, dass ihr Leben von der Weise geprägt sein muss, wie Gott Macht ausübt und wie Gott selber ist: Sie müssen selbst Menschen der Wahrheit, des Rechts, der Güte, des Verzeihens, der Barmherzigkeit werden. Sie werden nicht mehr fragen: Was bringt das für mich, sondern sie müssen nun fragen: Womit diene ich der Gegenwart Gottes in der Welt. Sie müssen lernen, sich zu verlieren und gerade so sich zu finden.“

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Sternsinger, nichts Geringeres steht hinter Eurem Dienst, mit dem ihr anderen Kindern helft, die Welt heller macht, vielen einen Stern der Hoffnung aufgehen lasst. Ihr seid – und wir sind mit euch – nicht die „letzte Generation“, sondern die heutige Generation, die von dieser Geschichte weiß und sie weitertragt. Wenn wir so leben, helfen wir der Welt wirklich, und wir selber werden unser Glück finden, oder – wie Matthäus sagt – „von sehr großer Freude erfüllt“.

Erscheinung des Herrn A – 6. Januar 2023

Hechingen St. Jakobus

Lesungen: Jes 60,1-6; Eph 3,23a.5-6; Mt 2, 1-12

Achim Buckenmaier