Josef: Gesetz als Evangelium

Homilie zum Vierten Advent

Am vierten Advent präsentieren uns die biblischen Texte unseres Gottesdienstes die unmittelbare Vorgeschichte des Lebens Jesu und seines Geburtstages, also die neun Monate, die den Ereignissen in Bethlehem vorausgehen. Nur die Evangelisten Lukas und Matthäus erzählen davon. Markus und Johannes kennen diese Geschichten gar nicht. Im Lukas-Evangelium steht Maria im Mittelpunkt. Aber nur das Matthäus-Evangelium, aus dem wir heute gehört haben, hat ein größeres Interesse an Josef, dem Verlobten Marias. 

In diesen Vorgeschichten geht es darum, ob Gott zum Ziel kommt, ob er es schafft, Menschen zu finden, die ihre Leben seinen Plänen zur Verfügung stellen, die bereit sind, in eine Geschichte einzusteigen, die voller Risiken ist, die ungewöhnlich ist und die ihnen vor allem Unannehmlichkeiten einbringen wird. Findet Gott Menschen, die ihm dennoch vertrauen und sich quasi an einem Rettungseinsatz beteiligen, an der Rettung der Welt durch die Sammlung Israels? Findet Gott solche oder scheitert er schon vor dem eigentlichen Beginn?

Diese beiden Menschen, die gefragt werden, mitzuwirken, sind Maria und Josef.

Im Matthäus-Evangelium gerät Josef in den Lichtkegel des Interesses. Nach jüdischem Recht galt Maria als seine Frau, auch als Verlobte. Wenn sie nun in dieser Zeit der Verlobung schwanger wird und das Kind nicht von Josef ist, wäre es wie Ehebruch. Von Josef sagt nun Matthäus, dass er „gerecht“ gewesen sei. Das heißt konkret, dass Josef vorhatte, sich ohne Aufheben von Maria zu trennen, damit sie frei wäre und sich mit dem Vater des Kindes zusammentun könnte. Auch wenn die Schwangerschaft Josef verletzte, mochte er Maria nicht öffentlich bloßstellen. Matthäus charakterisiert Josef deswegen als einen „Gerechten“. Mit diesem Stichwort „gerecht“ wird nun diese kleine Szene mit dem Engel zu einem Lehrstück nicht nur über Gerechtigkeit, sondern noch viel mehr zu einem Lehrstück über das Verhältnis von Juden und Christen, von Judentum und Christentum.

Wie schauen wir als Christen auf das Judentum? Man kann in ein paar Minuten kaum darauf antworten, aber man kann etwas Entscheidendes finden. Über viele Jahrhunderte wurde das Judentum als „Gesetzesreligion“ diffamiert, also eine Religion, die vor allem aus der Beachtung hunderter Regeln, Vorschriften und Verbote bestünde. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts hat der damals berühmteste protestantische Theologe Adolf von Harnack diese Interpretation populär gemacht. Für ihn bestand die Leistung Jesu gerade darin, diese Gesetzesfrömmigkeit aufgebrochen und überwunden zu haben. Nicht mehr die Gesetze erfüllen bringe das Glück und Heil, sei Erfüllung von Gottes Willen, sondern die Liebe. Das sei das eigentliche Evangelium, die eigentliche frohmachende, erlösende Nachricht. Damit war der klare Gegensatz konstruiert: Entweder Gesetz oder Evangelium. Mehr oder minder ist diese Sicht auf das Judentum unter den Christen gängig gewesen, vielleicht auch unter uns, mit den vielen furchtbaren Folgen, die das 20. Jahrhundert gebracht hat.

Was sagt uns nun dazu die Szene mit dem Engel und Josef?

Josef wird als Gerechter charakterisiert. Hinter dieser Bezeichnung steht das hebräische Wort Zaddik. Ein „Zaddik“ ist ein Mann, der die Tora Gottes beobachtet, die Gebote hält oder zumindest versucht, sie genau zu halten. Ein solcher Zaddik, ein solcher Gerechter wird im allerersten Psalm beschrieben. In Psalm 1 heißt es:

„Selig der Mann, der nicht nach dem Rat der Frevler geht (…), sondern seine Freude hat an der Weisung des HERRN, bei Tag und bei Nacht über seine Weisung nachsinnt. Er ist wie ein Baum, gepflanzt an Bächen voll Wasser, der zur rechten Zeit seine Frucht bringt und dessen Blätter nicht welken. Alles, was er tut, es wird ihm gelingen.“

Gerecht ist also ein Mensch, der Freude am Gesetz Gottes hat, der die Weisheit des Gottesvolkes, die Wahrheit der Bibel und die Ratschläge von anderen Glaubenden schätzt, der versteht, dass die Bibel, die Gebote, die zehn Gebote und anderes nicht ein von außen auferlegtes Gesetz sind, wie Geschwindigkeitsbegrenzung auf der Autobahn oder ein Rauchverbot im Zug.  Das Gesetz ist für den Zaddik, für den Gerechten, und so für Joseph „Freude“, weil er es als Teil seiner persönlichen, liebenden Hinwendung zu Gott nimmt. Die Gebote gibt es, wie, Gott Erbarmen mit den Schwachen, den Armen hat. Und so nimmt auch Josef das Gesetz und es führt ihn zu der Großzügigkeit und zu der Liebe, die ihn Maria vertrauen lässt, die ihn dem Wort des Engels vertrauen lässt. Dass Josef das Gesetz, die Tora, als etwas nimmt, was Teil von ihm selbst ist, was seine eigene Sache ist, das hilft ihm, auch den Zielsinn des Gesetzes zu sehen: den Frieden, die Gerechtigkeit, die Realisierung des Planes Gottes auf der Welt. Deswegen versteht er das Entscheidende, und handelt nicht äußerlich „gerecht“ und schickt Maria schonend weg, sondern er versteht den Zusammenhang, dass da etwas vor sich geht, auf was das Gesetz hinzielt. Das meint dieser Traum und die Worte des Engels an ihn.

Papst Benedikt XVI. hat das sehr schön in einem seiner Bücher beschrieben, im dritten Band des Buches „Jesus von Nazareth“. Vielleicht hat er das auch so ausführlich gemacht, weil Josef sein Namenspatron ist. Aber das ist nicht entscheidend. Wichtig ist, dass seine Deutung zu einer ganz neuen, anderen Sicht des jüdischen Gesetzes, der Tora führt, wie wir sie im Alten Testament finden. Er fasst sie in einen ganz kurzen Satz zusammen: „Josef lebte das Gesetz als Evangelium.“  

Josef lebte das Gesetz als Evangelium. Das ist das Neue. Die Tora, die Gebote, die Erfahrungen Israels, die Offenbarung Gottes, ist für ihn nicht etwas Fremdes, ein fremder Wille, nicht wie Befehle, die von irgendwoher kommen. Josef erkennt in den Geboten Gottes Willen, der Welt und den Menschen zu helfen. Josef erkennt in den Geboten, in der Tora Gottes Erbarmen, eine wirklich gute, frohe Nachricht. Nicht mehr: Gesetz oder Evangelium, sondern: das Gesetz als Evangelium.

Was kann das für uns bedeuten? 

Vielen modernen Menschen erscheint unser Glaube als eine Ansammlung von Geboten und Verboten, von Regeln und Moral. Manche sehen die Kirche als eine Institution, die nur Regeln aufstellt, die unsere Freiheit eingrenzen, einem die Lust verderben und Angst erzeugen. Sicher sind nicht alle Regeln und Gebote in der Kirche erleuchtet und für die Ewigkeit, aber es gibt einen großen Schatz von Erfahrungen des Gottesvolkes, das heißt Israels und der Kirche, die unsere kleinen Einsichten und augenblicklichen Meinungen übertreffen, wenn man realistisch ist mit seinem eigenen Urteilsvermögen und dem unserer Generation. Wo wir aber die Tora, die Gebote Gottes, die grundlegenden Einsichten und Aussagen der Bibel als äußere Last ansehen, als fremdes, altes „Gesetz“, dessen man sich um der Freiheit willen und um der Akzeptanz der Gesellschaft willen möglichst schnell entledigen muss, öffnen wir die Tür nicht der größeren Freiheit, sondern dem Unfrieden, dem Chaos in unseren Leben und in unseren Beziehungen und der Gewalt. 

Josef lebte das Gesetz als Evangelium. Jesus, der Sohn Marias, wird eine Generation später sagen: Ich bin nicht gekommen, um die Tora abzuschaffen, sondern sie zu erfüllen. Gesetz und Evangelium sind keine Gegensätze. Judentum und Christentum sind keine gegensätzlichen Optionen. Es gibt nur eine Geschichte des Handelns Gottes, zu unserem Glück.

Vielleicht nehmen wir diesen Tag und Josef, den Zaddik, den Gerechten, zum Anlass, die Kostbarkeit des Glaubens und unseres Lebens in der Kirche wieder neu wahrnehmen, auch dass es Gebote gibt, Weisungen, einen Katechismus, eine Glaubenslehre, Recht und Ethik – auch in der Kirche. Das Kriterium, ob Reformen in der Kirche richtig sind, ob Änderungen der Lehre und der Regeln hilfreich und angemessen sind, ob Forderungen zu Recht gestellt werden, ist letztlich, ob es diese Freude über die Geschichte Gottes gibt, die – wie der Psalm sagt – „Freude an der Weisung des HERRN“ ist.

Vierter Advent A – 18. Dezember 2022
Lesungen: Jes 7,10-14; Röm 1,1-7; Evangelium Mt 1, 18-24
Jungingen, St. Silvester
Achim Buckenmaier