Kein Lotus-Effekt

Homilie zum Dritten Advent 2022

 

In der Biologie gibt es den sogenannten Lotus-Effekt. Das Wort kommt daher, dass die Blätter der Lotus-Pflanze eine ganz spezielle Oberfläche haben, auf der die Wassertropfen, wenn es regnet oder Tau darauf fällt, einfach abperlen und den Schmutz auf dem Blatt gleich mitnehmen. Das Blatt selbst wird nicht feucht, das Wasser dringt nicht ein. 

Wenn man im Gottesdienst die Lesungen hört, besonders – wie im Advent und an Weihnachten – Texte, die man kennt, die einem vertraut sind, stellt sich manchmal an unseren Ohren, in unserem Kopf und auch im Herzen so ein Lotus-Effekt ein. Die Worte perlen an uns ab. Sie klingen schön und bekannt und kaum sind sie vorgelesen – blubb, perlen sie an uns ab, sind überhört und vergessen.

Vielleicht haben die Autoren der biblischen Texte, die Propheten und Evangelisten diese Schwäche gekannt und haben deswegen immer wieder kleine Störer eingefügt, Worte oder Aussagen, die ungewöhnlich sind, an denen man hängenbleibt beziehungsweise die an einem hängenbleiben.

Auch in den Schrifttexten von heute, vom dritten Advent, sind solche kurze Störsender eingebaut. Ich möchte nur einen davon herausnehmen, damit er uns hilft, nicht nur den Advent, sondern auch unseren Glauben überhaupt zu verstehen.

Die erste Lesung ist aus dem Buch des Propheten Jesaja genommen: Ein Hymnus, ein Lied auf die Treue und Wirksamkeit Gottes. 

Jesaja spricht zum jüdischen Volk, das bereits die Eroberung eines großen Teils seines Landes und den Untergang der Mehrheit der Stämme erleben musste. Und auch die Übriggebliebenen sehen sich neuen Bedrohungen ausgesetzt. Diesem bedrohten und verängstigten Rest macht er Mut, indem er vom wunderbaren Handeln Gottes spricht, der das Land Israel wieder zum Erblühen bringen und die Bewohner, die wie blind, taub und gelähmt sind, wieder heilen und zu Kräften bringen wird.

„Dann werden die Augen der Blinden aufgetan
und die Ohren der Tauben werden geöffnet.
Dann springt der Lahme wie ein Hirsch
und die Zunge des Stummen frohlockt.“

Mitten in diese poetischen Bilder streut Jesaja ein Wort, das uns stört, wenn wir es gehört haben:

„Fürchtet euch nicht! Seht, euer Gott!
Die Rache [Gottes] kommt, die Vergeltung Gottes!“

Das ist die Störung: Rache Gottes. Das ist ein Wort, das querkommt und nicht abperlt, wenn man es hört. Kann man von der Rache Gottes sprechen? Von der seiner Vergeltung? Ist das nicht ein altes, überwundenes Bild Gottes? Hat nicht Jesus solche Vorstellungen zurückgewiesen, korrigiert und einen anderen Gott verkündet: den barmherzigen Vater, den „liebenden Gott“, der verzeiht und nicht nachträgt?

Das Wort von der Vergeltung Gottes kennzeichnet eine wichtige Erkenntnis Israels. Das jüdische Volk lebte zur Zeit Jesajas in einem kulturellen Kontext, in dem Rache eine Selbstverständlichkeit war, die zum privaten und zum politischen Alltag gehörte. Rache beherrschte vielfach das Zusammenleben der Menschen und Staaten. Vergehen, Angriffe, Versäumnisse und Verbrechen wurden zwischen Personen, Familien und Völkern gnadenlos gerächt.

Diese Parameter galten nicht nur in der Antike und nicht nur im Orient. Sie prägen noch heute Gesellschaften in vielen Teilen der Welt. Sie haben auch unsere Kultur geprägt, aus der wir herkommen. Legenden und großen Mythen unserer Vorfahren wie die Erzählung der Nibelungen kreisen ganz um dieses Phänomen der Rache. Rache muss genommen werden, selbst um den Preis des eigenen Untergangs. Das hat sich tief in unser kollektives Bewusstsein eingeschrieben und ist nie ganz überwunden. Nicht nur orientalische Familienclans leben danach, auch zwischen uns, an Arbeitsplätzen, unter Nachbarn, im Straßenverkehr oder zwischen geschiedenen Partnern kommen immer wieder Rachegelüste und Vergeltung auf.

Wenn der Prophet Jesaja nun davon spricht, dass Gott vergelten wird, setzt er diesem menschlichen Tun eine scharfe Grenze. Vergeltung kann nicht mehr eine Sache der Menschen sein. Wer auf den Gott Israels vertraut, braucht nicht rächen und heimzahlen, weil er weiß, dass Gott selbst das Recht wiederherstellen wird. 

Die „Vergeltung“ Gottes ist nicht ein blindes, wahlloses Draufhauen, das willkürlich Schuldige und Unschuldige trifft, sondern ein Ins-Recht-Setzen durch Gott selbst. Die Gerechtigkeit Gottes ist nicht, dass er über die Untaten und Verbrechen sagt: Schwamm drüber. Alles nicht so schlimm. Die Taten der Menschen, das Böse und Gewalttätige wird Folgen haben. Das böse Tun des Menschen hat Folgen. Und Gott selbst wird für Gerechtigkeit und für das Überleben seines Volkes sorgen. So hat Israel einen entscheidenden Schritt vollzogen: Es gibt die Rache und die Vergeltung aus der eigenen Hand weg und vertraut auf das gerechte Handeln Gottes, das anders ist als das menschliche.

Die Gerechtigkeit ist ein zentrales Thema des Alten Testamentes, das heißt die Erkenntnis, dass recht handeln und Unrecht tun nicht ohne Antwort bleiben, dass es nicht gleichgültig ist, wie wir leben, dass Ungerechtigkeit oder Solidarität, Gutes oder Böses, Gewalt oder Friede nicht ohne Folgen bleiben, dass es aber Gott selbst ist, der für die Unterscheidung sorgt.

Wir haben eine Wahl. So oder so handeln. Wir haben die Wahl und eine Verantwortung.

Dieses Erkennen Israels ist einzigartig in der Geschichte der Menschheit. Israel hat erkannt, dass Gott weder ein harmloser Greis im Himmel ist, der sogenannte „liebe Gott“, noch eine Partei, die ich für mich vereinnahmen kann, die ich benutzen kann für meine Rachsucht und Gewalt. Der wahre Gott ist der Herr des „Himmels und der Erde“, also auch unserer Erde, unserer Zeit, unseres Tuns, meines Handelns.

Das ist ein Schritt, aus dem ein für alle verlässliches Recht und eine menschenwürdige Struktur der Gesellschaft erwächst.

Vielleicht fragen Sie mich: Sind das nicht reichlich unadventliche Gedanken, so kurz vor Weihnachten? Ich glaube, nicht. Sie sind vielleicht ungewöhnlich. Aber sie gehören in den Advent hinein. Immerhin hat Jesus auch das Ungewöhnliche des Täufers Johannes gelobt und hervorgehoben: 

„Was habt ihr denn sehen wollen, als ihr in die Wüste hinausgegangen seid? Ein Schilfrohr, das im Wind schwankt?
Oder was habt ihr sehen wollen, als ihr hinausgegangen seid? Einen Mann in feiner Kleidung?
Leute, die fein gekleidet sind, findet man in den Palästen der Könige.“

Man könnte auch sagen: Was wollen wir hören, wenn wir hierherkommen? Was wollen wir im Gottesdienst hören? Was an Weihnachten?

Friede, Freude, Eierkuchen finden wir bei Glühwein und bei Netflix. In der Bibel finden wir eine Aufklärung über die Welt und über uns. Und das ist das Positive, das Ermutigende, das, worüber man sich freuen kann: Dass es einen Ausweg aus dem Kreislauf der Gewalt gibt, dass der „Friede auf Erden“, von dem die Engel singen, möglich ist, wenn wir Gott als den Herrn über unser Leben anerkennen, das heißt wenn wir unser enges Denken weiten lassen, das nur um uns selbst, unsere Familie, unsere Gesundheit und unser Wohlergehen kreist, aufbrechen lassen, wenn wir, die wir hier sind, uns einander zuwenden, wenn wir Gottes Handeln in der Kirche vertrauen.

Im Gottesdienst, den wir feiern, in der Eucharistie, kehren wir „nach Zion“ zurück, zur Quelle, wo wir die Gewalt und das Über-die anderen-Klagen lassen. Deswegen lesen wir solche Texte wie den des Propheten Jesaja. Deswegen nehmen wir auch Worte auf, die nicht an uns abperlen wollen wie auf einem Lotusblatt. Und dann kann auch wahr werden, was Jesaja gesehen hat: 

„Jubel und Freude stellen sich ein, Kummer und Seufzen entfliehen.“

Das ist das eigentlich Adventliche heute.

 
Dritter Advent A – 10./11. Dezember 2022
Lesungen: Jes 35,1-6a.10; Jak 5,7-10; Evangelium Mt 11,2-11
Sickingen St. Antonius
Achim Buckenmaier