Mose staunt - und wir?

Dreifaltigkeitssonntag B, 26. Mai 2024, Homilie -

An den Sonntagen dieses Jahres lesen wir in der Regel als Evangelium einen Abschnitt aus dem Werk des Evangelisten Markus. Heute, am Fest der Dreifaltigkeit, verlassen wir das Markusevangelium und haben den Schluss des Matthäusevangeliums gelesen, die letzten Sätze dieses Evangeliums. Wenn man ein Buch liest, ist der Schluss immer interessant: Wenn es ein Kriminalroman ist, erfährt man die Lösung, weiß endlich, wer der Täter war. Ein Liebesroman bietet dann am Ende – hoffentlich – ein Happyend. Eine Erzählung lässt vielleicht am Ende den Ausgang offen. Der Leser muss selber seine Phantasie bemühen und sich den Schluss einer Episode ausdenken. Oder es bleibt eine Frage an den Leser am Schluss eines Buches….

Auch das Matthäus-Evangelium hat einen bemerkenswerten Schluss. Matthäus, der so viel von Jesus und dessen Weg erzählt und ihn kommentiert, hält sich in den letzten Sätzen als Erzähler ganz zurück. Nicht der Autor, sondern Jesus selber soll noch einmal zu Wort kommen:

„Mir ist alle Vollmacht gegeben im Himmel und auf der Erde…
Macht alle Völker zu meinen Jüngern; tauft sie…
Ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“

Jesus schickt die Jünger in alle Welt, zu allen Völkern. Sie sollen sich nicht mehr nur an ihr eigenes Volk, an das jüdische Volk, an Israel, wenden, sondern zu allen Völkern ausschwärmen. In seinen wenigen Sätzen betont Jesus, dass ihr Auftrag wirklich universal, weltweit ist, und alles einbezieht, unsere Zeit, unser Leben. Viermal benützt Jesus das Wort „alles“: „alle Macht“ ist ihm gegeben. Zu „allen Völker“ sollen die Jünger gehen. Sie „alles lehren“, was Jesus geboten hat. Und er selbst wird bei ihnen sein „alle Tage“.

Der Leser, der das Evangelium des Matthäus bis zum Schluss gelesen hat, erinnert sich an den Anfang des Buches: Da kommen Männer, Magier, Vertreter heidnischer Völker aus dem Osten und kommen nach Israel, nach Jerusalem. 

Damit hat Matthäus einen Rahmen für seine Jesus-Geschichte geschaffen. Die Suche der Völker nach Heil für die Welt, nach Erlösung, nach Rettung wird in der Jesus-Geschichte beantwortet: Jetzt müssen die Jünger gehen, hingehen, zu den Völkern. Wer mit Jesus gegangen ist, wer seinen Weg erlebt hat, wer Zeuge geworden ist, hat jetzt eine Bringschuld, hat einen Auftrag. Aus dem Wunsch der Magier, den Retter zu sehen, ist der Auftrag geworden, mit dem eigenen Leben der Rettung zu dienen.

Tausende Jünger, Männer und Frauen, haben das in den Jahrzehnten und Jahrhunderten nach diesen Worten Jesus verstanden und sind hingegangen zu den Völkern. Zu Fuß, in gefährlichen Schiffsfahrten, auf Eselskarren, über Wasser, durch Wälder und Sümpfe, über die Alpen… haben sie diesen Weg genommen. Ohne diesen Auftrag wären wir heute nicht da. Wenn die Jünger nicht diese Worte Jesu ernstgenommen hätten – „tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ – wäre keiner von uns heute hier, wäre dieses Kirchlein nicht hier, wäre unsere Welt nicht so wie sie heute ist. Aber was genau haben sie gebracht? Welche Geschichte trugen sie mit sich?

Es ist gut, dass die Liturgie zu diesem Evangelium noch zwei weitere Texte aus der Bibel dazu genommen hat, besonders den Abschnitt aus dem Buch Deuteronomium des Alten Testamentes, in der ersten Lesung.

Das Buch Deuteronomium ist das fünfte Buch der Bücher Mose. Es besteht nur aus drei Reden, die Mose am Ende seines Lebens gehalten hat. Er steht an der Grenze zum Gelobten Land. Er hat Israel aus der Zwangsarbeit in Ägypten herausgeholt. Jetzt schaut er auf die diese vergangenen Jahre zurück. Und er staunt. Er staunt darüber, was ihm und dem Volk seither widerfahren ist:

„Er sagte: Forsche einmal in früheren Zeiten nach, die vor dir gewesen sind… (…) Hat sich je etwas so Großes ereignet wie dieses und hat man je solches gehört? (…) Hat je ein Gott es ebenso versucht, zu einer Nation zu kommen und sie sich mitten aus einer anderen herauszuholen unter Prüfungen, unter Zeichen, Wundern und Krieg, mit starker Hand und hoch erhobenem Arm…“

Mose staunt. Er steht sozusagen mit offenem Mund da und lässt alles noch einmal vor seinem inneren Auge Revue passieren, was geschehen ist, seit er eine Stimme Gottes gehört hat, einen Auftrag gehört hat: Israel aus der Sklaverei herauszuholen und zu einem Volk zu sammeln.

  • In der Wüste hat Mose Gottes Stimme gehört: Ich bin, der ich bin… Führe mein Volk heraus..
  • Durch ihn, durch Mose und Aaron, hat Israel die Angst vor dem Despoten und Pharao verloren und die Flucht gewagt.
  • In der Trockenheit, Dürre und der Unsicherheit der Wüste hat sie immer wieder der Mut verlassen. Sie haben mit Gott und Mose gehadert. Und Gott hat sie wie ein strenger und zugleich geduldiger Erzieher immer wieder auf den richtigen Weg zurückgebracht, hat in ihnen die Freude über die Freiheit und die Sehnsucht nach dem Land immer wieder hervorgerufen.
  • Durch Mose hat Gott ihnen die Gebote gegeben, eine neue Lebensordnung, ein Grundgesetz, das Freiheit, Gleichheit und Solidarität gewährleistet. 

So hat Israel Stück für Stück Gott kennengelernt und die Heidenängste verloren, die Angst vor Geistern, Götter, Ahnen und Dämonen, die Angst vor Krankheit und vor Tod, die Angst vor einem Schicksal, das von Mond und Sternkonstellationen abhängt. So hat Israel gelernt, diese Welt zu lieben und das Böse und Unrecht nicht hinzunehmen, sondern zu ändern. Alles das seht Mose jetzt vor Augen:

„Forsche einmal in früheren Zeiten nach, die vor dir gewesen sind… (…) Hat sich je etwas so Großes ereignet wie dieses und hat man je solches gehört?
(…) Hat je ein Gott es ebenso versucht, zu einer Nation zu kommen…“

Eines Tages waren die Boten Jesu, seine Jünger, als Missionare auch zu uns gekommen, in unsere Gegend und sie haben nicht nur die Botschaft, das Evangelium von Jesus aus Nazareth, sondern auch die Kunde von diesem Gott Israels mitgebracht. Unsere Vorfahren wurden Christen. Und eines Tages auch wir, als über uns dieses Wort Jesu gesprochen wurde, das wir im Evangelium gehört haben: dass wir getauft wurden „auf den Namen auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“.

Auch wir könnten heute zurückblicken auf die Geschichte Gottes mit seinem Volk, mit uns. Auch wir können staunen, dankbar sein, glücklich sein.

  • Ich staune: Diese Geschichte kam aus Israel, begonnen vor 4000 Jahren mit Abraham, geschehen 2000 Jahren mit Jesus und den Jüngern, und sie hat mich – in der Taufe – erreicht.
  • Ich bin dankbar: Ich weiß von Gott. Ich kenne die Gebote, die Bergpredigt. Ich weiß zu beten – das Vater Unser mit den Worten Jesu. Ich habe eine Orientierung im Leben. Weiß, dass ich Pflichten habe gegenüber Gott und den anderen Menschen. Dass ich nicht der Nabel der Welt, nicht der Herrscher über andere bin. Mit der Bibel lerne ich, realistisch auf die Welt zu schauen, vor allen aber realistisch auf mich selbst – „den Balken im eigenen Auge“, wie Jesus sagt, das Brett vor dem eigenen Kopf, nicht die Schwächen der anderen.
  • Ich bin glücklich: Denn ich habe als Christ einen Auftrag. Unsere Welt ist auch mir anvertraut. Ich akzeptiere nicht, wie sie ist, dass sie ein Un-Ort ist mit Neid, Gewalt, Not. Ich habe Brüder und Schwestern, damit wir uns gegenseitig helfen, unserer Welt zu helfen.

So können wir – wie Mose – zurückschauen. Wir als Christen, als Kirche. Aber ich habe es bewusst in der Einzahl formuliert: Ich staune, ich bin dankbar… Nicht weil wir lauter individuelle und voneinander isolierte Geschichten hätten, sondern weil es nur jeder persönlich sagen kann. 

So liegt in diesem Schluss des Matthäus-Evangeliums die große Zusage „Ich bin bei euch alle Tage…“ auch eine Herausforderung, ein Auftrag für uns, und eine Frage: Sind wir auch bei ihm alle Tage? Sind wir in dieser Geschichte, in der wir Gott begegnen, dem Vater, dem Sohn, dem Heiligen Geist?

Dreifaltigkeitssonntag B 25./26. Mai 2024  |  Burladingen Comunità Catt. ital.; Hausen St. Nikolaus; Bechtoldsweiler St. Wendelin  |  Lesungen: Dtn 4,32-34;39-40; Röm 8,14-17; Mt 28,16-20  |  Achim Buckenmaier