Reale Präsenz

Fronleichnam 2024 - Homilie:

Vergangene Woche haben sich ein paar Personen zusammengesetzt, um zusammenzutragen, was man alles für diesen Festtag braucht und vorbereiten muss. Mir war das sehr recht, denn an jedem Ort ist es ein wenig anders. Und da war überraschend, wie vieles einfach schon aus Erfahrung da war. Die ganzen Überlegungen und Vorbereitungen hatten etwas Gewohntes, etwas Selbstverständliches an sich.

Freilich kann das Selbstverständliche, das Gewohnte, die Tradition, auch leer werden, kann zu einem Ablauf werden, wenn er sich ganz losgelöst von den Fragen und Problemen und großen Umwälzungen der Gegenwart vollzieht. Dann wird das, was „wir immer schon so gemacht haben“ hohl und nichtssagend. Wir wiederholen in der Kirche weitgehend das, was wir immer getan haben. Wir gebrauchen die Worte, die die Kirche immer gebraucht hat: Schon das Wort „Fronleichnam“ ist für viele unverständlich. Sie denken eher an eine Beerdigung als an ein Fest. Bei einem Wort wie „den Leib Christi essen“ schütteln sich viele. Opfer, Wandlung, Erlösung, Gnade… was soll das heißen?

Was bedeutet es, dass wir mit der Kirche sagen: In der Messfeier, in der Eucharistie, ist Christus gegenwärtig, ganz da? Man sieht ja keine Wandlung. Die Hostie sieht vorher aus wie nachher. Der Wein schmeckt nachher so wie vorher. 

Was bedeutet es, dass Christus da ist, obwohl wir ihn nicht sehen, jedenfalls nicht so sehen, wie wir uns sehen? Was heißt, dass er in Brot und Wein wirklich „da“ ist, „real präsent“ ist?

Der Glaube hat den Mut, mit dem Wort „real präsent“ zu sagen, dass sich unter uns etwas ereignet, was nicht davon abhängt, wie wir es ansehen. Es passiert unter uns etwas, was nicht von dem abhängt, was wir machen. Und gleichzeitig hat das Wort von der „Realpräsenz“ etwas an sich, was moderner und aktueller nicht sein könnte. 

Die digitale Revolution der letzten Jahrzehnte bewirkt nicht nur, dass wir ein bisschen schneller telefonieren können und jetzt auch die Kinder in Echtzeit kontrollieren können oder mit dem Kumpel auf seiner Himalaya-Tour plaudern. Wir sind in eine Welt hineingezogen und teilen sie, in der Real und Irreal verschwimmen. Mit einem Klick schmeißen wir jemanden aus den Online-Konferenz. Fast jeder hat schon mal mit einer falschen Identität gechattet, und wenn es nur aus Neugier ist. Künstliche Intelligenz, die Stimmen erzeugt, sodass man nicht mehr weiß: ist der echt, der da redet…. Avatare… Man könnte das fortsetzen. Wir agieren oft in einer nur virtuellen Welt. Wie dieses riesige Human-Experiment ausgeht, weiß man nicht. Es muss nicht schlecht ausgehen; der Mensch hat immer die Fähigkeit gehabt, auf Neues zu reagieren und daraus etwas zu machen.

Eine kleine Skepsis hegt freilich der Glaube. Einen Hinweis gibt der eucharistische Glaube mit dem Beharren auf der realen Präsenz: Das Wesentliche vollzieht sich real und in der erfahrbaren, ertastbaren und im Wortsinn begreifbaren Gegenwart. 

Es ist kein Zufall, dass der Bericht vom letzten Abendmahl Jesu, wie es Markus erzählt hat in seinem Evangelium, so viele konkrete Anweisungen hat: Wann das war – am Pessachfest. Wo der Ort war – in Jerusalem in einem Saal im ersten Stock. Wie man da hinfindet – indem man einen Mann, der – im Orient ungewöhnlich für einen Mann – einen Wasserkrug trägt, ihn also leicht erkennt. Dass die Jünger sich auf den Weg machen, nach Jerusalem hineingehen, das Essen so herrichten, wie es Jesus ihnen gesagt hatte… und so weiter. Alles ist sehr konkret erzählt. Es war konkret und real. Es gehört zum Glauben dazu, dass er nicht im Inneren stattfindet und im Herzen bleibt, sondern dass er konkrete Folgen hat, dass man zusammenkommen muss, eben „real“ präsent, anwesend sein muss.

Es gibt römische Gerichtsakten aus der Zeit der Christenverfolgung. Im Jahr 304 wurden Christen aus Abitene im heutigen Tunesien bei der verbotenen sonntäglichen Eucharistiefeier ertappt und vor den Richter geführt. Sie wurden gefragt, wieso sie den christlichen Sonntagsgottesdienst hielten, obwohl sie wussten, dass darauf die Todesstrafe stand. Die Akten haben schon damals festgehalten, was die Angeklagten sagten: „Sine dominico non possumus“, antworteten die Christen. Das heißt: Ohne die Gabe des Herrn, ohne den Tag des Herrn, ohne dass wir am Sonntag zusammenkommen zur Eucharistie können wir nicht leben.

Diese Christen, Gemeindemitglieder, haben ihre Antwort nicht erfunden. Sie haben aus einem großen Reservoir an Erfahrung schöpfen können, aus der Erfahrung des jüdischen Volkes. Deswegen hat die Liturgie neben dieses Evangelium vom letzten Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern die Erzählung gestellt, wie Gott am Sinai mit dem Volk Israel den Bund schließt. Auch da hat es eine konkrete Versammlung, ein reales Zusammenkommen gebraucht. Gott hat nicht in die Herzen der einzelnen hineingeredet, sondern in der Versammlung des Volkes konnte Mose Gottes Worte, seine Weisungen, seine Sozialordnung mitteilen.

„Alles, was der Herr gesagt hat, wollen wir tun; und wir wollen es hören.“ Zweimal, so wird es erzählt, antwortet so die Volksversammlung Israels. Es geht um das Hören und das Tun.

Mit dieser Antwort Israels ist eine Grundstruktur der Versammlung des Gottesvolkes benannt. Hier geht es nicht um das Machen und Entscheiden, sondern das Empfangen und Hören. Israel empfängt von Gott eine Lebensordnung und beginnt, auf sie zu hören, das gemeinsame Leben nach den Geboten zu gestalten.

Auch in der Eucharistie geht es nicht ums Machen. Das hebt sie aus allen Formen des Zusammenkommens heraus. Die Messe ist kein Unterricht. Auch eine Pädagogik und Katechese. Sie ist auch nicht einfach eine Form der Gemeinschaft und der Geselligkeit. Sie ist vor allem ein Empfangen. Man „empfängt die Kommunion“, sagt man zurecht. Das heißt nichts anderes, als dass man die Gemeinschaft Gottes nicht machen kann, sondern dass man in sie hineingenommen wird. Wer an der Kirche teilhat, wer hierher kommt, der „macht“ nichts. Er hat etwas geschenkt bekommen. Er bekommt etwas, was er nicht machen kann: Brüder und Schwestern. Die Teilhabe an einer Geschichte, die schon seit 4000 Jahren unterwegs ist. Die Kenntnis Gottes und seiner Gebote. 

Wenn ich das realisiere als Christ, lebe ich anders, anders auch in der Kirche, in der Pfarrei. Dann weiß ich, dass ich nicht Mitglied in einer Organisation bin, sondern Glied eines Organismus, Glied am Leib Christi. Mehr kann es nicht geben. Ich brauche dann keinen Dank. Ich brauche keine Urkunde, keine Anerkennung, kein Dankesfest – all das kann schön und gut sein. Aber es darf mich nicht blenden: Ich habe das Entscheidende ja schon: die Kommunion – das heißt die Gemeinschaft mit den anderen, in der ich Gott selbst und seinem Jesus begegne.

Und dann geht es mir nicht um mich, sondern darum, dass es diese Kommunion auch in der kommenden Generation gibt, dass es eine christliche Schar in Steinhofen, in Bisingen, Thanheim und und und gibt, nicht Macher der Kirche, sondern Liebhaber der Sache Gottes, die aus einer sehr realistischen und nüchternen Dankbarkeit und Freude da sind. Immer, wenn es knirscht in der Gemeinde, wenn es Streit und Unzufriedenheit gibt unter uns, dann ist das ein sicherer Indikator dafür, dass wir dieses Wissen verloren haben oder dass es irgendwo in uns drinnen versunken ist; dass das Entscheidende des Christseins verschwunden ist: Christsein ist man, weil man etwas empfangen hat, weil man beschenkt ist.

Die 95% der Getauften, die nicht mehr an der Eucharistie teilnehmen, die nicht sagen und empfinden, „ohne Versammlung am Sonntag können wir nicht als Christen leben“ , diese Mehrheit wird sich nicht durch uns sogenannte „engagierte Christen“ überzeugen lassen, die dies oder jenes machen, sondern nur durch Menschen, die in der Sache des Glaubens das Beste sehen, das sie finden konnten und die deswegen aus einer letztlich unzerstörbaren Dankbarkeit und einer nicht zu trübenden Freude in der Kirche sind.

„Realpräsenz“ ist das Schlüsselwort. Real präsent ist Christus. Real präsent ist auch diese Gemeinschaft heute morgen. Mehr gibt es nicht. Sie ist nicht Gemeinschaftsgefühl, Selbstverständlichkeit oder Gewohnheit. Sie ist der Ort der Gottesbegegnung heute, der Gegenwart Jesu unter uns. Bitten wir, dass der Herr unter uns und durch uns real präsent wird in dieser Welt.

Fronleichnam 30. Mai 2024 |  Steinhofen St. Peter und Paul  |  Lesungen: Ex 24,3-8; Hebr 9,11-15; Evangelium: Mk 14,12-16.22-26  |  Achim Buckenmaier