Requiem für Benedikt XVI.

Requiem für Papst emeritus Benedikt XVI. - Stiftskirche St. Jakobus Hechingen - 10. Januar 2023

 

Lesung aus der Apostelgeschichte

Ein Engel des Herrn sagte zu Philippus: „Steh auf und geh nach Süden auf der Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt! Sie führt durch eine einsame Gegend.“

Und er stand auf und ging. Und siehe, da war ein Äthiopier, ein Kämmerer, Hofbeamter der Kandake, der Königin der Äthiopier, der über ihrer ganzen Schatzkammer stand. Dieser war gekommen, um in Jerusalem anzubeten, und fuhr jetzt heimwärts. Er saß auf seinem Wagen und las den Propheten Jesaja.

Und der Geist sagte zu Philippus: „Geh und folge diesem Wagen!“ Philippus lief hin und hörte ihn den Propheten Jesaja lesen. Da sagte er: „Verstehst du auch, was du liest?“ Jener antwortete: „Wie könnte ich es, wenn mich niemand anleitet?“

Und er bat den Philippus, einzusteigen und neben ihm Platz zu nehmen. 

Der Abschnitt der Schrift, den er las, lautete: „Wie ein Schaf wurde er zum Schlachten geführt; und wie ein Lamm, das verstummt, wenn man es schert, so tat er seinen Mund nicht auf. In der Erniedrigung wurde seine Verurteilung aufgehoben. 

Seine Nachkommen, wer wird von ihnen berichten? Denn sein Leben wurde von der Erde fortgenommen.“ 

Der Kämmerer wandte sich an Philippus und sagte: „Ich bitte dich, von wem sagt der Prophet das? Von sich selbst oder von einem anderen?“ 

Da tat Philippus seinen Mund auf und, ausgehend von diesem Schriftwort, verkündete er ihm das Evangelium von Jesus. 

Als sie nun weiterzogen, kamen sie zu einer Wasserstelle. Da sagte der Kämmerer: „Siehe, hier ist Wasser. Was steht meiner Taufe noch im Weg?“ Er ließ den Wagen halten und beide, Philippus und der Kämmerer, stiegen in das Wasser hinab und er taufte ihn. Als sie aber aus dem Wasser stiegen, entrückte der Geist des Herrn den Philippus. Der Kämmerer sah ihn nicht mehr und er zog voll Freude auf seinem Weg weiter. Den Philippus aber sah man in Aschdod wieder. Und er wanderte durch alle Städte und verkündete das Evangelium, bis er nach Cäsarea kam.

Wort des lebendigen Gottes

 

 

Homilie

Liebe Schwestern und Brüder,

die Lesung, die wir für diesen heutigen Tag ausgesucht haben, die Taufe des äthiopischen Finanzministers durch den Apostel Philippus, ist eine der farbigsten und schönsten Geschichten, die der Evangelist Lukas in seiner Apostelgeschichte erzählt. Sie zeigt nicht nur seine literarische Könnerschaft als Erzähler, mit der er diese kleine Episode wie ein Gemälde vor uns ausbreitet, sondern auch die Kunst, uns das Wesentliche unseres Glaubens zu zeigen. 

Denn darum sind wir heute Abend hierhergekommen. Wir sind nicht gekommen, um Lobreden zu hören für einen überragenden Theologen, einen der herausragendsten europäischen Intellektuellen des 20. und 21. Jahrhunderts, der Joseph Ratzinger war. Wir sprechen nicht als Apologeten eines vergangenen, in der Geschichte einmaligen Pontifikates. Wir wollen stattdessen auf die Stimme Gottes hören, der ganz leise zu uns spricht, der immer zu uns spricht durch die Heilige Schrift und durch Menschen, die diese Sache Gottes durch ihr Leben, durch ein begrenztes, schwaches Leben lebendig halten in jeder neuen Generation.

Der Evangelist Lukas erzählt diese Bekehrung und Taufe des Äthiopiers. Der Hofbeamte der äthiopischen Königin, einer Herrscherin am Horn von Afrika, am oberen Nil, war ein Proselyt, also jemand, der als Afrikaner geboren war, mit seiner Religion und seiner Kultur. Aber er war in diesem alten Königreich mit dem Judentum in Kontakt gekommen, fühlte sich angezogen vom Glauben der Juden und war konvertiert. Und als Ausdruck seiner Konversion macht er eine Reise nach Jerusalem, von Äthiopien nach Israel, mehr als 3000 km, eine Reise von zwei, drei Wochen jede Strecke, ohne Flugzeug, Flixbus und ICE. Und in Jerusalem im Tempel hat er sich die Bibel gekauft, sicher nicht nur als Souvenir, sondern um zu verstehen, an welcher Geschichte er nun teilhat. In seiner Reisekutsche, die in Schrittgeschwindigkeit dahinzuckelt, zieht er eine der Buchrollen hervor und liest darin. Die Rolle, die er liest, ist das Buch des Propheten Jesaja. Er liest laut wie alle antiken Menschen. Sie haben immer laut gelesen. 

Und da läuft neben seinem Wagen der Apostel Philippus her und hört ihn lesen. Lukas sagt, dass ein Engel des Herrn dem Philippus den Tipp gegeben hat, also den Auftrag, da hin zu gehen und diesen Minister zu begleiten. Irgendwo in der Nähe von Hebron, erst ein paar Kilometer von Jerusalem entfernt, hört Philippus ihn lesen. „Wie ein Schaf wurde er zum Schlachten geführt.“ Aber Gott hat das Schicksal dieses Opfers gewendet und seine Verurteilung zum Untergang aufgehoben. Und dieser Verurteilte und von Gott Gerechtfertigte findet unzählbar viele Nachfolger…

Philippus sieht die Chance und die Größe des Auftrags: der erste Afrikaner, der hier heimfährt in seinen riesigen Kontinent – der muss doch erfahren, dass man in den Worten des Propheten Jesaja das Leben Jesu von Nazareth wiederfinden kann. Und er fragt den Lesenden: „Verstehst du auch, was du liest?“

Der Finanzminister hat das Buch, kann die Worte lesen, aber das Eigentliche versteht er nicht. Und Philippus geht neben dem Wagen geduldig her und erzählt ihm von der Person und der Botschaft Jesu. „Ausgehend von diesem Schriftwort verkündete er ihm das Evangelium von Jesus“, schreibt Lukas.

Das ist eine erste Missionsgeschichte. Die Verkündigung des Evangeliums geschieht nicht durch Überreden, nicht dadurch, dass er auf den fremden Mann einredet, auch nicht durch Ködern, nicht durch platte Sprüche und niederschwellige Angebote. Die Verkündigung des Evangeliums ist vor allem, dass dieser Mann in die Geschichte Israels hineingenommen wird, dass er vertraut wird mit der Geschichte Gottes mit Israel, mit der Weisheit des Gottesvolkes, in der das Handeln Gottes erkennbar wird. Es geht nicht um ein Einknicken vor der Redekunst des Apostels, sondern um Verstehen. Das ist das Entscheidende: „Verstehst du?“ Und: „Ausgehend von diesem Schriftwort erklärte er ihm…“

Die Geschichte Gottes wendet sich an den Verstand des Menschen, an Einsicht und Vernunft. Es ist aber nicht kaltes, akademisches Wissen, sondern Lernen und Verstehen, welche Wege Gott in der Geschichte wählt. Es ist etwas, was jeder und jede verstehen kann. Man braucht dazu nicht Abitur und nicht zehn Semester Theologiestudium; es ist ein Verstehen, an dem jeder von uns teilhaben kann, wenn er den Weg mitgeht. Die jüdischen Weisen haben das zugespitzt, wenn sie behaupten: Ein Dummer kann nicht fromm sein. Theologie ist immer Auslegung der Heiligen Schrift.

Ich habe diese Lesung für heute Abend ausgesucht, weil sie mir am Tag des Amtsverzichtes von Papst Benedikt, im Februar 2013, in den Sinn kam. Die Geschichte endete ja mit der Notiz: Nach der Taufe des Äthiopiers „entführte der Geist des Herrn den Philippus und man sah ihn in Aschodod wieder“.

So kam mir die Zeit mit Benedikt XVI. vor, besonders die acht Jahre seiner Zeit als Papst. Die Äthiopier-Erzählung sagt etwas über das Leben und Wirken von Benedikt XVI. Es war eine Zeit der Weggemeinschaft. Benedikt XVI., Joseph Ratzinger, ging sozusagen neben uns her und er erklärte uns unablässig die Geschichte Gottes, „ausgehend von der Schrift“. Eine Zeit lang war er da, in dieser Funktion, eigentlich sein ganzes Leben lang, aber besonders in der Zeit als Papst. Und dann wurde er durch seine körperliche Schwäche irgendwie „weggenommen“ vom Geist des Herrn, und jetzt endgültig durch das Ende seines Lebens.

Joseph Ratzinger, Benedikt XVI., hat dieses Aufschließen der Schrift durch seine vielen Bücher getan, durch Vorlesungen und Vorträge und Predigten. Ganz wenig finden sich darin Appelle, moralische Aufforderungen. Immer ist es ein Erklären. Es ist eine unablässige Reaktion auf die Frage: Verstehst du?

Als Papst hat Benedikt XVI. jeden Mittwoch auf dem Petersplatz eine öffentliche Audienz gehalten, mehr als 200 mal in diesen Jahren. Und die Leute sind gekommen, nicht nur weil sie Fähnchen schwenken oder Rosenkränze segnen lassen oder einen Papst bejubeln wollten. Sie wollten „verstehen“.

Benedikt XVI. hat etwas sehr Einfaches getan. Er hat an diesen Mittwochen im Wesentlichen eine Reihe begonnen, in der er Woche für Woche, ein paar Jahre lang., die Geschichte von Glaubenden erzählt hat, angefangen mit den einzelnen Aposteln. Dann widmete er die Gedanken der einzelnen Mittwoche den Jüngern, den Frauen um Jesus. Von Paulus hat er ein ganzes Jahr gesprochen, Woche für Woche. Dann kamen die ersten Christen, das Ehepaar Priszilla und ihr Mann Aquila. Dann kam er zu den ersten Theologen, den Ordensgründern, wieder Männer und Frauen, den Heiligen, großen und kleinen, bis hinauf ins Mittelalter.

Benedikt XVI. hat etwas getan, was noch kein Papst vor ihm getan hatte: Er hat die Geschichte der Kirche als eine Personengeschichte erzählt. Das Christentum und mit ihm und von ihm her das Judentum sind nicht eine Aneinanderreihung von Moral, nicht eine abstrakte Ideengeschichte, sondern eine Geschichte von Personen, eine ununterbrochene Geschichte, getragen von gläubigen Personen, einfachen und komplexen Persönlichkeiten, Handwerkern wie Josef, Unternehmerinnen wie Lydia, der ersten europäischen Christin, Bauern, Fischern, Vätern, Müttern, Wissenschaftlern wie Augustinus, Bonaventura, Hildegard. Und immer hat er auf Konstellationen aufmerksam gemacht. Keiner dieser Gestalten lebte allein. Sie lebten in Gemeinschaften oder initiierten Gemeinschaften. Sie lebten ihren Glauben als Communio, als Gemeinschaft, als Kirche.

Und erstaunlich: Mit solchem Erzählen und Lehren baute Benedikt XVI. auch immer wieder die Brücke zu heutigen Nichtglaubenden, zu Agnostikern und Atheisten, weil er auf diese Weise den biblischen Glauben als eine Alternative, eine lebbare Alternative zeigte, als eine Art zu leben. Außerhalb der Kirche wurde er oft besser verstanden als in der Kirche.

Warum war und ist es so? Zu dieser heiklen Frage muss man vielleicht auch noch ein Wort sagen. Er wurde, und das muss man offen sagen, vor allem in unserem Land wenig verstanden. Ich habe das in keinem anderen Land so erlebt.

Er hätte die moderne Zeit nicht verstanden. Er hätte das Verhältnis zu den Juden belastet. Die Muslime provoziert. Das Zweite Vatikanum zurückdrehen wollen. Er hätte sogar die Unwahrheit gesagt, was die Missbrauchsfälle angeht. Die Kirche in Deutschland nicht geschätzt. Und so fort. 

Das meiste, was da gesagt wird, ist einfach die Wiederholung von Gehörtem, Vermutetem, Unterstellten. Die Engländer sagen dazu: es ist eine Haltung nach dem Motto: „Don’t touch me with the facts.“ Man kann es einfach sagen: Man braucht kein Freund von Benedikt sein, es genügt die Kenntnis der Fakten, dass genau das Gegenteil wahr ist.

Viel Kritik an ihm kommt daher, dass er eben auf das Handeln Gottes gesetzt hat, nicht auf das Machen der Menschen. Gott handelt durch Menschen, aber eben durch solche, die Gott vertrauen, auf ihn setzen, die wissen, dass nicht sie die Kirche machen, sondern die die Zuversicht haben, dass Gott sein Volk führt. Sein Verständnis des Judentums, des Alten Testamentes und seine Liebe zu Israel bis heute haben ihm dafür die Augen geöffnet.

Und das ist sicher eine Infragestellung, ja ein Ärgernis, wenn man so viel Geld, Strukturen, Universitäten und Einrichtungen hat wie die Kirche in unserem Land, Dinge, an denen man unbedingt festhalten will.

Diese andere Sicht hat ihn immer zuversichtlich sein lassen. In den 70er Jahren, als noch überall neue Kirchen und Gemeindehäuser gebaut und neue Pfarreien gegründet wurden, wurde ihm die Frage gestellt: „Wie sieht die Kirche im Jahr 2000 aus?“

Seine Antwort war erstaunlich – und ich will das zum Schluss einmal zitieren, weil wir damit auch ganz bei uns hier sind, im Bistum, im Dekanat, in den Seelsorgeeinheiten bei den Fragen, die Sie, die viele uns von uns bewegen und manchmal bedrängen:

„Wie sieht die Kirche in Zukunft aus?“

Benedikt antwortete:

„Aus der Krise von heute wird auch dieses Mal eine Kirche (…) hervorgehen, die viel verloren hat. Sie wird klein werden, weithin ganz von vorne anfangen müssen. Sie wird viele der Bauten nicht mehr füllen können, die in der Hochkunjunktur geschaffen wurden. (…) Sie wird mit der Zahl ihrer Anhänger viele ihrer Privilegien in der Gesellschaft verlieren. Sie wird sich sehr viel stärker gegenüber bisher als Freiwilligkeitsgemeinschaft darstellen, die nur durch Entscheidung zugänglich wird. In vielen kleineren Gemeinden (…) wird die Seelsorge [so ganz] erfüllt werden.

Aber bei allen Veränderungen (…) wird die Kirche ihr Wesentliches von Neuem und mit aller Entschiedenheit in dem finden, was immer ihre Mitte war: Im Glauben an den dreieinigen Gott, an Jesus Christus, den menschgewordenen Sohn Gottes, an den Beistand des Geistes, der bis zum Ende reicht.

Die Menschen einer ganz und gar geplanten Welt werden unsagbar einsam sein. Sie werden, wenn ihnen Gott ganz entschwunden ist, (…) dann die kleine Gemeinschaft der Glaubenden als etwas ganz Neues entdecken. (…) Nicht die Kirche des politischen Kultes (…), sondern die Kirche des Glaubens.“

Liebe Schwestern und Brüder. Jetzt, 40 Jahre nach dieser Antwort Benedikts, sehen wir, dass es so bereits ist und dass zugleich diese Aufgabe noch auf uns wartet, auf unseren Glauben und unser Tun.

Am Ende seines Lebens, nach dem Rücktritt, hat Benedikt XVI. das noch einmal in einer ganz neuen Weise selbst gelebt. In seinem kleinen Kloster im Vatikan lebte er in einer kleinen Lebensgemeinschaft von fünf, sechs Personen. Von ihnen sagte er 2019 etwas, was für einen Papst mehr als bemerkenswert ist:

„Ich lebe in einem Haus, in einer kleinen Gemeinschaft von Menschen, die immer wieder solche Zeugen des lebendigen Gottes im Alltag entdecken und freudig auch mich darauf hinweisen. Die lebendige Kirche zu sehen und zu finden, ist eine wunderbare Aufgabe, die uns selbst stärkt und uns des Glaubens immer neu froh werden lässt.“

Joseph Ratzinger Benedikt XVI. habe ich gerade in den letzten Jahren, in der ich ihm oft begegnen durfte, als einen aus dieser Erfahrung heraus zuversichtlichen, ja heiteren Menschen erlebt. 

Er ist für uns ein Wegbegleiter vom Format des Philippus gewesen und er wird es weiter sein.

Requiem für Papst emeritus Benedikt XVI. – 10. Januar 2023

Hechingen St. Jakobus

Lesung: Apg 8,26-40; Evangelium: Joh 17,24-26

Achim Buckenmaier