Sei ein Mensch!

5. Sonntag im Jahreskreis B - Homilie:

Diese Woche, am Mittwoch, fand im Deutschen Bundestag die Gedenkveranstaltung für die Opfer der Shoa, der Holocaustgedenktag statt. In der Feierstunde hat eine beeindruckende Frau, Eva Szepesi, 91 Jahre alt, die als kleines Mädchen Auschwitz überlebte, ihre Geschichte erzählte und was daraus zu lernen ist. Danach hat der Sportjournalist Marcel Reif, dessen Vater ebenfalls den Holocaust überlebt hatte, gesprochen. Am Ende seiner Ansprache zitierte Marcel Reif einen Satz, den ihm sein Vater öfters gesagt hatte, „mal als Warnung, mal als Ratschlag, mal als Tadel“. Der Vater hatte ihn im jiddischen Idiom gesagt: „sei a mensch!“ Sei ein Mensch! Dieser einfache, aber klare Satz hat viele der Zuhörer und Zuschauer, auch mich, bewegt. „Sei ein Mensch!“

In der Geschichte des Judentums und des Christentums, schon zur Zeit Jesu und danach, wurde immer wieder gefragt: Was ist eigentlich die Quintessenz des Christentums, des Judentums, der Offenbarung Gottes? Es gibt so viele Gebote und Regeln, die das Leben als Glaubender umgeben, so viele Riten und Feste, die Bibel, den Katechismus, die Morallehre der Kirche, die Heiligen, die Mutter Gottes, Kirchenentwicklung und Kirchensteuer – um was geht es eigentlich im Kern? Wenn unsere Kinder und Enkel, unsere ungläubigen Nachbarn und Kolleginnen uns fragen: Warum glaubst du an Gott? Wozu gehst du in die Kirche? Dann könnten wir mit Recht antworten: Es geht um das eine, ein Mensch zu werden, ein Mensch zu sein. Sei ein Mensch!

Aber so einfach ist es gar nicht, Mensch zu sein.

Die erste Lesung, die wir heute gehört haben, ist eine große Klage. Ein Mensch, Ijob, verliert in seinem Leben alles, was er hat, alles was sein Leben bis dahin schön, angenehm, lebenswert macht: Seine landwirtschaftlichen Güter werden immer wieder überfallen und sein ganzer Besitz nach und nach geraubt, sein Haus wird durch Unwetter zerstört, seine Söhne und Töchter sterben in den Trümmern des Hauses, am Ende wird er von einer schrecklichen Krankheit befallen. Resigniert blickt er auf sein zerbrochenes menschliches Leben zurück: „Schneller als das Weberschiffchen eilen meine Tage dahin, sie gehen zu Ende, ohne Hoffnung.“

Es gibt auch heute Menschen, die solche Resümees ziehen. Und das Gefühl, dass das Leben wie ein Weberschiffchen einfach hin und her saust und am Ende der Faden ausgeht, befällt auch uns vielleicht einmal. Unglück, Verbrechen, Misserfolg, Verlust von geliebten Menschen, Enttäuschung, Krankheit und die Angst in uns, die sie auslöst, sind auch uns vielleicht nicht ganz fremd. Die Liturgie hat diesen Abschnitt aus dem Buch Ijob ausgewählt, um das Evangelium zu illustrieren und zu kommentieren, das wir heute gehört haben. 

Markus erzählt, wie Jesus einen ganz Tag in der Stadt Kafarnaum am See Genezareth in Galiläa verbringt und wie auch er auf ganz viel Not und Angst und Elend trifft. Die Schwiegermutter des Petrus liegt fiebrig im Bett. Er begegnet Menschen, „die an allen möglichen Krankheiten leiden“, die von Dämonen geplagt sind, die also unter Obsessionen leiden, die abhängig sind, würden wir heute sagen, besessen von allen möglichen Dingen. Auch das gibt es heute. „Dämonen“, also Kräfte, die Besitz vom Menschen nehmen und ihn so entmenschlichen, gibt es im Großen und im Kleinen, in Menschen und auch in Gesellschaften.

Die Kirche, den Glauben, die Heilsgeschichte, das Gottesvolk – all das gibt es nur deswegen, damit wir Menschen werden können. Sie sind die Hilfe Gottes für unsere Mensch-Werdung, die – das sehen wir jeden Tag – so einfach nicht ist.

„Sei ein Mensch!“ heißt deswegen für uns ein Doppeltes: 

Das erste ist: Wir dürfen erkennen und akzeptieren, dass wir Kinder Gottes sind, Kinder des einen Vaters, dass unser Leben, auch wenn es manchmal gebrochen und unfertig ist, gewollt ist. Menschsein heißt: Geschöpf sein. Die Kirche, die Bibel, der Gottesdienst – sie helfen uns, das zu verstehen und geben uns die Hinweise, Gebote, auch Verbote, damit wir menschlich leben. Sie erzählen von dem großen Versuch Gottes, eine menschliche Gesellschaft zu schaffen, sich ein Volk zu wählen, in dem Gleichheit, Freiheit, Solidarität dominieren, weil alle sich nur unter einem Herrn wissen, unter Gott.

Und das Zweite: Im anderen Menschen, im Notleidenden, erkennen wir uns selbst. Der Fremde, der Kranke, der Gebrechliche, der Unglückliche, der Depressive zeigt uns unsere eigene Hilfsbedürftigkeit. „Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du“, so wird zurecht das bekannte Gebot übersetzt. Das meint: Menschlich reagieren, menschlich handeln. Es reicht zu sehen: der andere braucht Hilfe, wie ich auch. In der Nähe Gottes, im Anbruch seiner Herrschaft können die Nöte sehr verschieden sein. Aber eines ist gleich: Alle bedürfen der Hilfe.

Die Evangelien erzählen die Wunder der Heilung von kranken Zuständen und Abhängigkeiten immer sehr konkret: Sie ereignen sich durch das Vertrauen auf die Nähe Gottes. Jesus spricht die Kranken an, er schaut sie an, er fasst sie an der Hand, wie es heute im Evangelium hieß. Immer ist es konkret und direkt. Nie ist es ein Riesenspektakel, nie ein Massenevent, nie eine medientaugliche Szene, die man posten kann. Das Reich Gottes, Gottes Welt, kommt in kleinem Format, in einem Städtchen in Israel beginnt es, an einem bestimmten Tag, von Morgen bis Abend, für die, die darauf setzen. Ein einziger Tag unter Abermillionen von Tagen. Aber da geschieht es. Gottes Nähe. Gottes Rettung. Weil Menschen darauf setzen.

Wenn wir heute, an diesem Sonntag, das Fest Mariä Lichtmess und den Gedenktag des Hl. Blasius mit in den Gottesdienst hineinnehmen, dann sind das auch nur kleine Gesten: Die Segnung der Kerzen und Segnung der Personen, die Bitte um Bewahrung vor Krankheit und Schaden. Das sind keine magischen Riten, keine fiebersenkenden Mittel und keine Krankenversicherungen. Es sind Zeichen. Zeichen, dass wir im Raum des Glaubens, im Raum des Volkes Gottes uns die Angst nehmen lassen können, dass wir einander zu Hilfe geschickt sind, uns immer wieder von der Angst oder anderem, was uns bedroht und beengt, heilen zu lassen.

Und dass wir selbst die richtige Richtung haben in unserem Leben, eine Orientierung, dass wir dem richtigen, dem wahren Licht folgen, und dass wir in dem Wissen leben, dass unser Leben schon bewahrt  i s t, ganz gleich, was passiert. Der Glaube, das Vertrauen auf Gott und sein Volk, gibt diese Freiheit. Deswegen werden wir als Glaubende nicht weniger Mensch, sondern mehr Mensch. Darum hören wir diesen einfachen Satz als Aufforderung, aber auch als Zusammenfassung unseres Christseins: „Sei ein Mensch!“ 

5. Sonntag im Jahreskreis B, 4. Februar 2024 | Comunità Cattolica Italiana S. Lucia Burladingen; Weilheim St. Marien; Jungingen St. Sylvester  |  Lesungen: Ijob 7,1-4.6-7; 1 Kor 9,16-19.22-23; Evangelium: Mk 1,29-39  |  Achim Buckenmaier