Vorläufer - Leuchtfeuer - Frager

Hl. Johannes der Täufer (Patrozinium)  - Homilie:

Es ist etwas Besonderes, den heiligen Johannes den Täufer als Patron zu haben. Sein Festtag ist der Tag seiner Geburt. Das ist schon besonders, denn im Heiligenkalender der Kirche gibt es nur drei Geburtstagsfeste: Das Fest der Geburt Jesu an Weihnachten, dann Mariä Geburt und eben den Geburtstag Johannes des Täufers am 24. Juni. Von allen anderen Heiligen feiern wir den Tag ihres Todes oder ein Kirchweihdatum, nur von Maria und dem Täufer feiert die Kirche den Geburtstag. Die Kirche erinnert sich am Todestag eines Heiligen oder Märtyrers an ihn, weil sein Tod so etwas wie der „Geburtstag“ zu einem Leben ganz mit Gott, zu einem ewigen Leben wurde.

Bei Johannes und bei Maria ist es eben anders, weil ihr Leben ganz am Leben Jesu hängt, mit der Biographie Jesu verbunden ist, mit Jesus, bei dem eben schon der Anfang, seine Geburt, besonders war, der Anfang der Menschwerdung des Gotteswortes, des Logos.  Deswegen feiert die Kirche schon anderthalb Jahrtausende diesen Tag des Täufers am 24. Juni. Das ist genau sechs Monate vor dem 24. Dezember, dem Geburtstag Jesu von Nazareth, weil Lukas in seinem Evangelium erzählt, dass Elisabeth schon im sechsten Monat schwanger war, als die Schwangerschaft Marias gerade begann. Das ist also relativ einfach, nachzuvollziehen. Die Kirche denkt da auch schlicht und in natürlichen Bahnen.

Wenn wir in die Heilige Schrift, in die Lesung und das Evangelium dieses Tages, hineinschauen, sehen wir vielleicht drei Dinge, die etwas sagen für uns hier.

I. Das erste hängt mit diesen sechs Monaten zusammen, die nach der Konzeption des Lukasevangeliums Johannes vor Jesus geboren wurde. Wir wissen natürlich weder das eine noch das andere Datum genau. War’s der 24. Dezember bei Jesus, war’s der 24. Juni bei Johannes? Darauf kommt es nicht an. Der Evangelist war kein Standesbeamter, sondern Theologe und Seelsorger. Er wollte seinen Gemeinden etwas mitteilen von Jesus.

Und das Erste, was er da berichtet, ist, dass Jesus einen Vorläufer hatte. Johannes der Täufer war der Vorläufer. Jede große Sache braucht einen Vorlauf. Selbst das Auto, das wir heute benützen, brauchte einen Vorlauf. Zuerst gab es die Erfindung des Rades und dann die Kutschen und dann erst die motorgetriebenen Wagen. Das war ein langer Weg. Und so war auch das Wirken Jesu vorbereitet. Die Propheten waren solche Vorläufer, ja wir verehren sogar die Großeltern Jesu, Joachim und Anna, auch Jesus brauchte Oma und Opa, aber nicht irgendwelche, sondern solche, die ihn in die Geschichte Israels, in die Geschichte Gottes mit seinem Volk, in die Weise, wie man als glaubender Mensch lebt, einführen konnten.

Und so ein Vorläufer, Vorbereiter war auch Johannes. Und Jesus hat sich von ihm taufen lassen, er hat anerkannt, dass Johannes zuerst da war. Er hat nicht gesagt: Jetzt komme aber ich, sondern er hat den Vorläufer geehrt.

Und das Allererstaunlichste: Johannes dachte genauso. Er diente Jesus, hat sich nicht selbst in den Mittelpunkt gestellt, hat ihm gedient. Johannes hat ohne Neid gesehen, dass Jesus der Messias war, derjenige, auf den es ganz ankommen wird. Er wußte, er selbst ist notwendig. Und das hat Johannes gelebt und zugleich hat er anerkannt, dass Jesus etwas Neues gefunden hat, was er selbst nicht hatte, und deswegen er hat sogar seine eigenen Schüler zu Jesus geschickt und gesagt: Da müsst ihr hin, da geht es weiter.

Johannes der Täufer und Jesus waren ganz verschieden und hatten ganz verschiedene Aufgaben und auch eine verschiedene Theologie. Aber sie waren ohne Konkurrenz, ohne Neid, miteinander verbunden. Und auch von ihren Müttern wird das erzählt. Maria, die Mutter des Messias, die Mutter Gottes, geht ja zu Elisabeth, der Mutter des Johannes, und hilft ihr in den letzen Wochen der Schwangerschaft und bei der Geburt. 

Diese beiden Frauen und ihre beiden Söhne wussten, dass Gott es ist, der die Aufgaben verteilt, dass er verschiedene Aufgaben gibt, dass es aber eine Geschichte ist, dass das Mitwirken an der Geschichte des Heils, das Mitwirken, das Mitleben im Volk Gottes, in Israel, in der Kirche, das Schönste ist, was man sich für ein Menschenleben denken kann, und dass es darauf ankommt, dass die Verschiedenen auf den Plan Gottes hören lernen, und miteinander versuchen ihm zu dienen.

Wir dürfen das als Lebensgesetz, als Grundgesetz der Kirche ansehen, auch einer Pfarrei, dass die Verschiedenen so miteinander leben, diejenigen, die Ämter haben und die keine haben, die schon lange hier wohnen und die erst kurz hier wohnen, dass sie wissen, es geht nicht um dies oder jenes, sondern darum, dass wir gemeinsam Gottes Plänen dienen.

II. Und das ist schon das zweite, was wir vom Festtag des Täufers lernen können. Gott geht eine Geschichte mit uns ein. Die Missionare in unseren Gegenden haben bewusst den Geburtstag Johannes’ auf den 24. Juni gelegt, auf den Tag der Sonnenwende.

Sie wollten damit unseren Vorfahren sagen: Was den Menschen erlöst, ist nicht, dass er Feuer auf den Bergen anzündet, Gott Opfer bringen muß. Gott braucht unsere Opfer nicht. Was wir Menschen tun, ist eigentlich immer dasselbe. Das rollt den Berg hinunter wie Feuerräder. Jedes Jahr ist es so. Was uns erlöst, unsere Nöte und tiefen Probleme, das ist das Feuer des Glaubens, das ist, wenn sich ein paar selber entzünden lassen, nicht Strohpuppen und Radspeichen, wenn menschliche Herzen brennen für Gottes Geschichte, für den Glauben, für die Kirche.

Die Leuchtfeuer sind, wenn ein paar Gläubige sich zusammentun und wissen, wir sind die Träger eines Lichtes, das kein Holzstapel der Welt bringen kann. Wenn wir zusammen sind, wenn wir wissen, dass wir eine Gemeinschaft sind, dass wir nicht allein leben und glauben können, dann sind wir eine Hilfe auch für unseren Ort. Auch wenn wir ganz wenige sind, eine Minderheit. Aber wir können zeigen: Nicht die Sonne wendet unser Leben, wenn der 24. Juni kommt. Die eigentliche Sonnenwende ist eine Lebenswende, wenn wir umkehren und zur Kirche gehören.

III. Und der letzte dieser drei Gedanken:

Der Prophet Jesaja sagte vorausblickend über Johannes den Täufer – wir haben es gehört: „Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist... Ich mache dich zum Licht für die Völker.“

Von diesem Wort her dürfte auch eine Gemeinde, die nach dem hl. Johannes heißt, leben, alle, die wir heute da sind. Von diesem Bewußtsein her hat auch Johannes der Täufer gelebt. Er hätte auch daheimbleiben können, nicht in der Wüste leben müssen, und nicht sein Leben verlieren müssen, weil er die Wahrheit sagte. Er hätte auch zufrieden sein können mit dem, wie es war in Israel. Und viele in Israel waren zu seiner Zeit durchaus zufrieden so wie es war. Man war unter römischer Besatzung, es gab Unannehmlichkeiten verschiedenster Art, aber es gab den Tempel, es gab Synagogen, jeden Sabbat einen Gottesdienst, die schönen Feste in Jerusalem.

Johannes war vor allem einer, der wusste, dass etwas fehlte. Ohne das Leben sind die Gottesdienste hohl. Ohne das Tun der Wahrheit und der Gerechtigkeit ist alles andere nichts. Das war das Entscheidende, dass da einer war, der sagte: Es fehlt aber noch etwas. Das muss auch heute in der Kirche lebendig sein, so eine Stimme, sonst schläft sie ein. Nicht dass man noch mehr tut, noch dies und das, diese oder jene Aktivität, hier eine Aktion, dort ein Aufbruch, sondern dass man immer wieder befragt, was man tut, ob es wahr ist, ob Streit und Mißverstehen überdeckt oder ausgesprochen und versöhnt wird. Es ist ja konkret so, dass etwas fehlt in den Gemeinden: Das gemeinsame Leben. Das neidlose, einander dienende Miteinander. Auch die nächste Generation, die Skeptiker, die nüchternen Frager – auch sie fehlen uns doch. Das müsste so eine Stimme immer wieder sagen. Warum ist es so? Woran liegt es? Was fehlt unter uns? Aber nicht, damit wir noch mehr machen, wird vor den Jungen glaubwürdig sein, sondern dass wir, was wir tun, aus einem gemeinsamen, demütigen Hörenwollen auf Gottes Willen tun, aus einer Haltung, die nicht das Eigene und eigene Rechthaben sucht, sondern das Gemeinsame, die Einheit mit der ganzen Kirche.

Vielleicht begleiten uns diese Gedanken über diesen Tag hinaus, dass wir an diesem Ort und überall in der Kirche Gott dienen und immer wieder unsere Konkurrenz uns nehmen lassen, dass wir uns selber anzünden und unser Leben dafür verwenden lassen, und das wir jene Stimmen zu hören suchen, die uns von dem reden, was fehlt, und uns das zeigen, was Gott uns bereitet hat. Amen.

Hl. Johannes der Täufer (Patrozinium), 23. Juni 2024  |  Beuren St. Johannes d.T.  |  Lesungen: Jes 49,1-6; Apg 13,16.22-26; Evangelium: Lk 1,57-66.80  |  Achim Buckenmaier