Welchem Herrn dienen? Gedanken zum 32. Sonntag - 6./7. November 2022

Vielleicht haben sie es in der vergangenen Woche in den Nachrichten gesehen oder in der Zeitung gelesen: vor genau 100 Jahren hat ein britischer Forscher und Archäologe in Ägypten die Grabkammer des jungen Pharao Tut-ench-Amun entdeckt. Alles war noch unversehrt und erhalten in seinem Glanz und seiner Schönheit. Die Mumie des Pharaos in einem goldenen Sarg und die kostbaren Grabbeigaben faszinieren uns bis heute. 

Man sieht noch heute, dass Ägypten schon vor 3500 Jahren eine unglaublich reiche und hoch entwickelte Kultur hatte. Aber Macht und Reichtum hatten einen Preis. Das Land, das bewohnbar war und bewirtschaftet werden konnte, war auf das enge Niltal begrenzt, das nur wenige Kilometer breit war. Zweimal im Jahr überschwemmte der Nil das Land und brachte fruchtbaren Boden mit sich. Um das nützen zu können, brauchte es eine straffe, zentrale Verwaltung. Deswegen musste die ganze Gesellschaft in steilen Hierarchien streng organisiert werden. So bildete sich das ägyptische Königtum heraus, an deren Spitze der gottgleiche Pharao stand. Die breite Masse der Menschen war völlig unfrei, abhängig. Individualität und persönliche Freiheit hatten da keinen Platz und waren unbekannt. Jeder hatte einen anderen über sich, bis hinauf zur Spitze, dem Pharao.

Die Pyramiden sind ein Symbol dieser Gesellschaft: Unten ist die breite Masse der Sklaven und Abhängigen, oben ist die Spitze eines einzigen Menschen, der als absoluter Herrscher und Gott verehrt wird.

Die ägyptische Religion war eine Jenseitsreligion, ja musste eine Religion werden, die ganz auf das Jenseits, auf ein Leben nach dem irdischen Leben, konzentriert war. Weil für die normalen Menschen ihr Leben so unfrei und so unerträglich schwer war, wurden sie auf ein besseres Jenseits vertröstet. Eine ganze Industrie lebte davon, Bücher und Ratschläge zu verkaufen, wie man sich nach dem Tod verhalten sollte, um ins Jenseits zu gelangen.

An jedem Osterfest erinnern wir uns daran, dass Israel aus diesem Staat und dieser Gesellschaft ausgezogen ist. Sie wollten nur den unsichtbaren, aber lebendigen Gott als ihren Herrn anerkennen und nicht einen Menschen als Gott verehren. Sie hatten erfahren, dass sie nur so eine Gesellschaft von freien, gleichen und solidarischen Menschen sein können. Deswegen sind sie geflohen.

Vor diesem Hintergrund verstehen wir auch die Lesung aus dem zweiten Makkabäerbuch, die wir heute gehört haben. Mit dieser Lesung sind wir nicht mehr in der Zeit der Ägypter, sondern in der Auseinandersetzung mit griechischen und syrischen Mächten im zweiten Jahrhundert vor Christus. Aber der Konflikt war derselbe. Wieder waren es Herrscher, die sich als Gott verehren ließen und absolute Macht beanspruchten über das Leben, die Kultur und den Gauben der Menschen. Dieses Mal konnten die Juden nicht fliehen, denn die feindlichen Könige hatten ihr Land Israel besetzt und beherrschten es mit Gewalt und Terror. 

Aber sie konnte Widerstand leisten. Sie blieben ihrem Glauben treu. Davon erzählt die heutige Lesung. Es ist eine Erzählung vom Martyrium einer jüdischen Mutter und ihrer sieben Söhne. Man müsste die ganze Erzählung in Kapitel 7 des zweiten Makkabäerbuches lesen, um den ganzen Mut der Mutter und die Dramatik des Geschehens zu sehen. Die Mutter muss die Folter und den Tod aller ihrer sieben Söhne mit ansehen. Aber sie weiß, dass die Söhne richtig handeln, wenn sie ihren Glauben an Gott nicht verraten. Am Ende stirbt auch sie in dieser Treue und in diesem Glauben.

Diese Geschichte ist für viele moderne Menschen, auch in der Kirche, nur schwer zu verstehen. Soll man bereit sein, für den Glauben zu sterben? In einer Zeit, in der das Wohlbefinden so sehr eine Rolle spielt, in der Gesundheit und Fitness die obersten Güter zu sein scheinen, ist das nur schwer zu verstehen. 

Auch das verbreitete Gefühl, es gäbe eben immer sehr viele, verschiedene Wahrheiten, man könne gar nicht sagen, was wahr und falsch sei – für den einen ist es dies, für den anderen etwas anderes –, in einer solchen Atmosphäre ist es schwer verständlich, sein Leben für eine Sache, für die Überzeugung den Glauben einzusetzen und zu riskieren.

Aber ohne solche Menschen gäbe es keinen Glauben, gäbe es die Kirche, auch uns und unseren Gottesdienst nicht. Sanguis martyrum, semen christianorum, sagt ein früher Theologe der Kirche, Tertullian. Das Blut der Märtyrer ist der Same für neue Christen. So war es am Beginn der Kirche in den großen Verfolgungswellen, die von römischen Kaisern ausgingen. Nicht nur das neue und vernünftige Leben der christlichen Gemeinden war überzeugend für die heidnischen Zeitgenossen, sondern auch der Mut der Märtyrer, ihre Aufrichtigkeit und Standhaftigkeit.

Das Wort von den Märtyrern ist heute für viele Menschen verdorben, weil sich auch islamistische Terroristen „Märtyrer“ nennen, die sich in Wolkenkratzer stürzen oder auf Marktplätzen in die Luft sprengen. Sie reißen viele andere mit in den Tod. Die Märtyrer Israels und der Kirche haben aber nicht das Blut anderer vergossen, haben nicht andere mit sich in den Tod gerissen, sondern haben nur Ihr eigenes Leben eingesetzt. Sie waren keine Fanatiker, sondern nur für sich und ihr eigenes Leben konsequent.

Die Märtyrer haben nicht diese Welt verachtet. Sie haben das Leben als Glaubende geliebt, haben ihre Frauen oder Ehemänner oder Kinder geliebt, so wie die Mutter in der Makkabäererzählung. Mit ihrer Unerschrockenheit haben sie gezeigt, wie kostbar und reich ein Leben im Gottesvolk, in der Kirche, in einer ihrer Gemeinden ist. 

Sie haben das erkannt, was Israel schon erkannt hatte: 

Wer andere Menschen zum Gott macht, wer Ideen, politische, gesellschaftliche Ziele oder private Vorhaben zu seinem Lebensinhalt und Lebenszweck macht, macht sich zu ihren Sklaven. Frei sind wir, wenn wir allein Gott als unseren Herren anerkennen, wenn wir seine Gebote und seine Verheißungen unser Leben prägen lassen.

Obwohl es also auf den ersten Blick so aussehen könnte, als handelten die Lesungen und das Evangelium dieses Sonntages ausschließlich vom „ewigen Leben“ oder von der „kommenden Welt“, also von etwas nach unserem irdischen Tod, ist es gerade umgekehrt. 

Die Texte sprechen davon, dass Gott und seine Welt in unsere Welt hineinreichen und hineinkommen wollen und können, wenn wir ihm ganz vertrauen. Ganz so, wie es Jesus mit dem Alten Testament wusste: „Gott ist doch kein Gott von Toten, sondern von Lebenden.“ Gottes Welt ist die „kommende Welt“, weil sie jetzt schon kommen will. Und wenn wir in unsere Welt heute hineinschauen, sehen wir, wie sehr notwendig unser Leben und Handeln als Glaubende ist: für die Freiheit, für die Gerechtigkeit in der Welt, für eine menschenwürdige Welt mit ihren Armen, Schwachen, Hilfsbedürftigen und für den Frieden zwischen uns und in der Welt.

32. Sonntag i. Jkr. C – 6./7. November 2022, Beuren St. Wendelin | Stein, St. Markus, Achim Buckenmaier