"Wir möchten Jesus sehen!"

Das Evangelium dieses Sonntages ist vielleicht am meisten durch das Wort vom Weizenkorn bekannt, das in die Erde fallen und sterben muss, um aufzugehen und sich zu vermehren. Dieses Bild ist zu einem der vertrautesten Bilder für Jesus geworden, für Jesu Schicksal.

Das Weizenkorn-Wort antwortet auf die Bitte einiger Griechen, wie das Evangelium sagt, die Jesus sehen wollten. Es gab also zur Zeit Jesu Nicht-Juden, Römer, Griechen und andere, die vom Leben des jüdischen Volkes angezogen waren von seinem Glauben an den einen Gott. Es gab Menschen, die beeindruckt waren vom vernünftigen, aufgeklärten Gottesdienst der Juden, die deswegen eigens nach Jerusalem kamen. Menschen, die die hohe Ethik Israels schätzten, die Klarheit und Logik der Zehn Gebote usw.

Solche werden also im Evangelium vorausgesetzt, wenn Johannes erzählt: „In jener Zeit gab es auch einige Griechen unter den Pilgern, (…) die an Philippus herantraten (…) und ihn baten: Herr, wir möchten Jesus sehen.“ Die diesen Wunsch äußern, sind klug. Sie suchen sich einen der Jünger aus, der nicht einen typisch jüdischen Namen trägt, sondern einen modernen, schicken, griechischen: Philippus – Pferdefreund. Er soll die Brücke zu Jesus sein.

„Wir möchten Jesus sehen.“

Der Evangelist Johannes erzählt hier nicht bloß eine einmalige Begebenheit aus dem Jahr 30 oder 32. In diesen Wunsch „Wir möchten Jesus sehen“ packt er den Wunsch seiner Leser, die im Jahr 90 oder 100 eben nicht mehr Jesus erlebt und gesehen hatten, die sich aber seiner Gemeinde angeschlossen hatten irgendwo in Ephesus, in Athen, Korinth oder Rom. Vielleicht gibt er auch unseren Wunsch wieder, die wir zweitausend Jahre später leben, in Hörschwag, in Burladingen, in Hechingen. Auch meinen Wunsch gibt er wieder, jedenfalls beim ersten Nachdenken.

Vielleicht denken wir: Wenn wir Jesus sehen würden, da wäre manches leichter. Dann könnte man ihn auch fragen: Was meinst du zu dem oder jenem? Was würdest du uns raten in unserem Dorf, in unserer Gemeinde, das wir machen sollen? Wenn wir Jesus sehen würden, dann wäre es auch in der Kirche leichter. Dann wär da nicht sein schwieriges Personal, die griesgrämigen Pfarrer, die weichgespülten Bischöfe oder die angestrengten Mitarbeiter; dann wäre die Kirche durchstrahlt von Jesus selbst, den wir sehen könnten. Dann könnten wir zu unseren ungläubigen Nachbarn sagen: Geh da hin in die Kirche, dort findest du Jesus. Und die Erstkommunionkinder müsste man nicht mit Brotbacken abspeisen, sondern könnte ihnen Jesus höchstpersönlich zeigen. Und dann würde man nicht nur Jesus sehen, sondern eine leuchtende, glaubwürdige und überzeugende Kirche, für die man sich nicht immer entschuldigen muss.

„Wir möchten Jesus sehen.“ Der Wunsch ist verständlich. Ich habe ihn manchmal auch.

„Wir möchten Jesus sehen.“ Beim zweiten Nachdenken bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob ich Jesus wirklich sehen will, den radikalen, jungen Bauhandwerker, der ein paar komische Jünger hinter sich herschleppt, die nie wissen, wo sie am Abend ihr müdes Haupt hinlegen können. Die keine Zeit finden sollen, ihre toten Verwandten zu begraben. Die ihre Eltern verlassen müssen, ihre familiären Bindungen verachten müssen…

Und Jesus selbst? Wen sehen wir da? 

In der zweiten Lesung aus dem Hebräerbrief gibt der Autor ein sehr nüchternes, ungeschöntes Bild von Jesus: „Christus hat in den Tagen seines irdischen Lebens mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten vor [Gott] gebracht…“

Jesus, der vor Angst schreit, der Tränen der Angst weint, der zittert, der Gott anfleht, der ihn anbettelt… Der Hebräerbrief ist die einzige Stelle im Neuen Testament, die davon spricht, dass auch Jesus lernen musste und zwar durch negative Erfahrungen, dadurch, dass nicht alles glatt ging, dadurch, dass er nicht Zustimmung und Applaus fand, sondern Ablehnung, Widerstand, dass er leiden musste. Das ist eine ungemein mutige Sprache. Jesus hat „durch das, was er gelitten hat, den Gehorsam gelernt“.

Wollen wir diesen Jesus auch sehen?

Wenn wir  d i e s e n  Jesus sehen, sehen wir auch, was ihm zugemutet wurde. Wenn am fünften Fastensonntag die Kreuze in den Kirchen eingepackt werden, zugedeckt, verhüllt werden, dann kann man das auch als ein Eingeständnis lesen: Im Grunde wollen wir diesen leidenden Jesus und die Geschichte durch Tiefen und Leiden nicht sehen. Der Hebräerbrief besteht aber darauf: Das, was ihm aufgebürdet war – kann uns das erspart werden? Das Christentum ist keine Leidensreligion. Der Glaube verklärt nicht das Leiden. Es geht nicht darum, dass Leid und Leiden gut wären. Aber es geht um die Erfahrung, dass zum Gläubigsein, zum Christsein auch Leiden gehört.

Und dass wir durch Schwierigkeiten, durch schmerzliche Erfahrungen, durch Misslingen mehr lernen, als wenn alles wie geschmiert läuft. Vor allem können wir das lernen, was der Hebräerbrief „Gottesfurcht“ nennt, das heißt dass man Gott als die entscheidende Größe im eigenen Leben anerkennt.

Es ist ein Holzweg, wenn ich denke, das Christsein würde mir ein gutes Gefühl vermitteln. Oder der Gottesdienst ist dann gelungen, wenn er mir gutgetan hat. Oder eine Gemeinde sei dann in Ordnung, wenn was los ist. Die Kirche ist kein Wellnessressort. Sie ist nicht einmal ein Ort für Geselligkeit. Sie ist ein hartes Pflaster. Christsein ist eine Aufgabe, die man nicht übernehmen muss, aber übernehmen kann. Christsein bedeutet vor allem, andere tragen und ertragen. Und dies gern tun, dies als Reichtum zu sehen, weil man selber getragen und ertragen wird.

Jesus hat unter Schreien und Tränen den Gehorsam gelernt, das heißt, er hat gelernt, ganz fein und ganz offen hinzuhören auf die leise Stimme Gottes, auf das Wort Gottes, das ihm einen anderen Weg gewiesen hat, als er vielleicht dachte. Noch einmal: Was ihm zugemutet war, kann auch uns nicht erspart bleiben, wenn wir ihm folgen wollen. Die Heilige Schrift, die Bibel sagt uns: Das ist möglich. Es ist möglich, so zu leben und genau darin das Glück des Lebens zu finden. Der Prophet Jeremia, aus dessen Buch wir die erste Lesung genommen hatten, gibt uns folgendes Wort Gottes wieder: „Ich habe meine Weisung in ihre Mitte gegeben und werde sie auf ihr Herz schreiben. Ich werde ihnen Gott sein und sie werden mir Volk sein.“

Mehr brauche ich von der Kirche nicht erwarten und erhoffen, als das: Gott ist für uns Gott und wir sind für ihn ein Volk. In ihm finde ich Jesus. Und – wenn wir mit Augen des Glaubens auf unsere Versammlung schauen und auf die Eucharistie – sehen wir auch Jesus.

Fünfter Sonntag der Fastenzeit  |  16./17. März 2024 | Burladingen Comunità Cattolica Italiana; Hörschwag St. Mauritius; Hechingen St. Jakobus  |  Lesungen: Jer 31,31-34; Hebr 5,7-9; Evangelium: Joh 12,20-33  |  Achim Buckenmaier