„Das soll ein Priester sein?“

so habe auch ich gedacht, als ich die neueste Ausgabe des Konradsblattes aufgeschlagen hatte und auf den ersten Seiten bei einem Bild hängen geblieben bin. Da ist ein Mann gesetzteren Alters zu sehen, mit schulterlangem grauen Haar und abzeichenbestückter Lederjacke, der Papst Franzikus die Hand schüttelt (Konradsblatt 38, S. 3). Im Text heißt es, der 85jährige trage Cowboystiefel und halte „die Selbstgedrehten zwischen den dicken Ringen am Finger.“

Etwas weiter dann werden auf einer Doppelseite die Männer in Text und Bild vorgestellt, die am letzten Sonntag geweiht wurden. Man erkennt sie auf den Fotos sofort als drei Priester. Der äußere Unterschied könnte größer nicht sein.

Irgendwie passt es, das wir heute zum Beginn dieser Woche das Fest des hl. Matthäus begehen, der unter die vier Evangelisten gezählt wird, und dabei von seiner Berufung durch Jesus erfahren (Mt 9, 9-13):

In jener Zeit

9sah Jesus einen Mann namens Matthäus am Zoll sitzen und sagte zu ihm: Folge mir nach! Da stand Matthäus auf und folgte ihm.

10Und als Jesus in seinem Haus beim Essen war, kamen viele Zöllner und Sünder und aßen zusammen mit ihm und seinen Jüngern.

11Als die Pharisäer das sahen, sagten sie zu seinen Jüngern: Wie kann euer Meister zusammen mit Zöllnern und Sündern essen?

12Er hörte es und sagte: Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken.

13Darum lernt, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer. Denn ich bin gekommen, um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten.

 

Dem „Rockerpfarrer“ hat das Konradsblatt eine ganze Seite gewidmet, die zu lesen sich lohnt, auch die Geschichte zu einem seiner Ringe.
Der Priester Guy Gilbert hat in den 1970er Jahren seine Berufung darin entdeckt, Jugendlichen im 19. Pariser Arrondissement grundlegende gesellschaftliche Regeln beizubringen, nah dran an den teils Minderjährigen, die alle mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind und Vorstrafen erhalten haben.

2005 wurde er vom französischen Präsident Jacques Chirac zum Ritter der Ehrenlegion ernannt und zehn Jahre später zum Offizier der Ehrenlegion befördert. Darüber hinaus ist er seit 2018 Domherr an der Kathedrale Notre-Dame in Paris. (Der vollständige Artikel ist im Internet zu finden: www.katholisch.de/artikel/26852-rockerpriester-und-nonkonformist-guy-gilbert-wird-85)

Die ursprünglich skeptische Frage weicht nach dem Lesen ehrfürchtigem Erstaunen und hochachtungsvollem Respekt!

Wovon lassen wir uns leiten, von was unser Denken oder gar Urteilen über andere Menschen beeinflussen?

Ich erinnere mich an meine Zeit vor vielen Jahren als Diakon in Offenburg. Dort war unter den Schülerinnen im Religionsunterricht an der Hauptschule eine Jugendliche, das sich als Punkerin gekleidet und mit entsprechendem „Outfit“ ausgestattet hatte. So erschien sie regelmäßig im Unterricht. Mit ihrem nicht gerade einladenden Anblick tat ich mich schwer. Mir sind die Augen erst aufgegangen, als ich Ihre Großmutter beerdigen musste: Da saß sie nach der Beerdigung mutterseelenalleine auf der Friedhofsmauer, vom Rest der Familie entfernt, und weinte bitterlich. Tags drauf habe ich sie nach dem Religionsunterricht auf ihre Großmutter angesprochen und ihre Trauer um sie: ab da war das Eis gebrochen.

Wovon lassen wir uns leiten, von was unser Denken oder gar Urteilen über andere Menschen beeinflussen? Oft bestimmt der erste Augenschein. Doch was, wenn es dabei bleibt?

„Der Mensch sieht, was vor den Augen ist, der HERR aber sieht das Herz“, so heißt es wohltuend im Alten Testament (1 Sam 16,7). Es kann kein Schaden sein zu versuchen, es ihm gleich zu tun.

Thomas Koban


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