Vacare Deo – Leer werden für Gott

Die Einsamkeit mit Gott bringt den Schaden wieder in Ordnung,
der durch die Sorgen, den Lärm und den Glanz dieser Welt verursacht wird.

Oswald Chambers

Liebe Leserinnen und liebe Leser,

während sie diese Zeilen lesen, bin ich hoffentlich im Urlaub und ich freue mich jedes Jahr auf diese Zeit, natürlich, wem geht es nicht so. Den Kopf frei bekommen und sich um wenig mehr sorgen müssen als um das Essen für den Tag. Ich habe es an dieser Stelle schon öfter geschrieben, dass es mir schwerfällt, das Planen abzugeben und doch freue ich mich genau über solche Momente.

Ein Ort, an dem mir das recht gut gelingt, ist auf dem Sattel meines Fahrrads. Hier kann ich einfach fahren und schauen, staunen und frei sein, der Kopf beginnt sich zu leeren und ich lebe im Hier und Jetzt. Immer wieder steigt ein Gefühl auf, dass dieses Leben ein großes Geschenk ist. Ich komme ins Beten, ohne viele Worte gebrauchen zu müssen

Vacare deo, leer werden für Gott, frei werden für Gott nennt es die kontemplative Spiritualität. Gott einen Raum geben, damit er einziehen kann. Das heißt nicht einfach nichts tun, das ist der Feind der Seele, so sagt es der Heilige Benedikt. Wir würden sagen, dabei verloddert die Seele. Es geht um einen anderen Fokus. Ich leere mich von dem Lärm und dem Input, der mich immer wieder fortreißt, damit Gott überhaupt eine Chance bekommt, mich zu bewegen. 

Vacare deo. Alle Rollen, die ich übernehme fallen weg, alles Tasten nach den Stimmungen und Empfindungen der anderen. Es ist eine Sehnsucht nach Stille in mir und doch halte ich sie so schwer aus, weil die Rädchen laufen und laufen wollen. 

Vacare deo heißt für mich, Gott einen Raum zu ermöglichen. Das passiert nicht einfach von allein. Da braucht es eben diesen Fokus. Gott, komm Du zu mir und wohne in mir. Jesus sagt: „Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten; mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihm kommen und bei ihm Wohnung nehmen“ (Joh 14,23). Das kann die bewusste Meditation sein, in der man sich Zeit für Stille vor Gott nimmt. Ein Gebet oder ein Schriftwort zu Beginn hilft, sich zu fokussieren und dann Gott bitten, den Raum des Lebens mit seiner Gegenwart zu füllen. Gerade für Kopfmenschen und Weltveränderer eine schwierige Übung und eine Form der Kapitulation. Ich lege die kleine Reichweite meiner Möglichkeiten in die Hand dessen, der größer ist. 

Für mich ist der Ort dieses Gebetes gerne auch das Fahrrad. Der Kopf muss nicht viel denken, und dennoch atme und lebe ich in der Gegenwart Gottes. Die Nähe zur Schöpfung, manchmal auch die Nähe zu meinen Grenzen helfen mir, demütiger und dankbarer zu werden. 

Warum nicht vor dem Wandern oder Radfahren am Morgen die Lesungstexte des Tages lesen oder die Laudes beten? Vielleicht bekommen die Touren doch eine andere Färbung. So wird die Ferienzeit auch eine Zeit, in der ich Gott und seinen Möglichkeiten wieder Raum gebe. 

Ich wünsche Ihnen und mir, dass uns das immer wieder gelingt – frei zu werden für Gott – im Urlaub und im Alltag. 


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